Wohin bloß mit dem ganzen Mist? So fragen sich die Rinder- und Schweinemast-Bauern, denen die Verwendung der Exkremente aus ihrer Massentierhaltung allmählich Schwierigkeiten bereitet. Denn nicht alle anfallenden tierischen Abfälle können als Dünger verbraucht werden. Für Professor Otto Griff, dem ehemaligen Mitarbeiter des Instituts für Bodenbiologie der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig-Völkenrode, heißt die Lösung dieses Problems Eisenia foetida zu deutsch: Kompostregenwurm. Für diese Tiere stellt nämlich Haustiermist, insbesondere Rinderkot, eine Delikatesse dar. Als Ergebnis der Verfütterung verwandelt sich der Rinderkot nicht nur unter hohem Gewichtsverlust in einen geruchsfreien, nährstoffreichen Kompost, sondern gleichzeitig vermehren sich die Tiere in diesem Regenwurm-Schlaraffenland so gut, daß sie auch für die Biomasseproduktion von Bedeutung sind.

Graff, heute Präsident des „Förderverbandes zur Nutzbarmachung von Wurmkulturen“, stellte bereits in früheren Fütterungsversuchen fest, daß sich die Nachkommenschaft der Regenwürmer in fünf Monaten mehr als verhundertfacht. Zwei Elterntiere, die zusammen nur etwa ein Gramm wiegen, zeugen Jungtiere mit einem Lebendgewicht von insgesamt 40 Gramm – eine beachtliche Biomasseproduktion also, die da von den Kompostwürmern geleistet wird.

Die so gezüchteten Würmer können dann zur Fütterung von Nutz- und Haustieren weiter verwendet werden. Daß dieses – vor allem für Hausgeflügel geeignete – Tierfutter durchaus qualitativ hochwertig ist, bewiesen Graff und sein Mitarbeiter Dr. Edgar Schulz, Institut für Tierernährung, durch ihre Untersuchung „Zur Bewertung von Regenwurmmehl aus Eisenia foetida (Savigny 1826) als Eiweißfuttermittel“. Getrocknete, gemahlene Regenwürmer bestehen zu zwei Dritteln aus Rohprotein, der Rest sind Fett und Kohlenhydrate. Diese Nährstoff-Verteilung entspricht etwa der von Fischmehl und Sojabohnenextraktionsschrot, den zur Zeit wichtigsten Eiweißfuttermitteln für Schweine und Hühner. Auch die Verdaulichkeit und Verwertung des Regen wurmei weißes ist – wie die Wissenschaftler im biologischen Test mit Ratten herausfanden – ebenso günstig wie bei gutem Fischmehl.

Außer dem gemeinen Kompostregenwurm eignet sich auch der westafrikanische Regenwurm Eudrilus eugeniae für die Biomassegewinnung. In vergleichenden Untersuchungen, über die er 1980 anläßlich eines Vortrags in Moskau berichtete, stellte Graff bei der afrikanischen Art im Vergleich zur europäischen ein dreimal höheres Einzelgewicht, eine dreimal schnellere Jugendentwicklung und eine höhere Kokonablage fest. Dafür stellt der tropische Wurm allerdings höhere Ansprüche an die Raumtemperatur: 28 bis 30 Grad Celsius sind für seine Entwicklung ideal. Seine Lebens- und damit auch Nutzungsdauer ist – mit nur 200 Tagen – kürzer als die seines europäischen Verwandten, der immerhin fast 1000 Tage alt werden kann.

Beide Wurmarten sollten – will man sie noch als Tierfutter nutzen nur mit Haustierkot gefüttert werden. Müll oder Klärschlamm eignen sich nicht als Futtersubstanz. Sie enthalten Schadstoffe, die sich im Regenwurm anreichern. Besonders Schwermetalle können nicht ausgeschieden werden. Bei beiden Arten sind deshalb bei der Fütterung mit. Müll hohe Gehalte an Kupfer, Blei, Quecksilber, Zink, Cadmium und Niekel zu verzeichnen. –

Die Praxis der Regenwurmzüchtung stellt sich Graff etwa so vor: Ein Landwirt mit Rindermast baut eine Scheune so um, daß bei einer Temperatur von 25 bis 27 Grad Celsius der mit Stroh gemischte Mist gelagert werden kann, und züchtet darin dann die Regenwürmer. Ein benachbarter Hühnerfarmer schließt sich mit ihm zusammen und verfüttert die produzierte Biomasse lebend oder als Wurm-Mehl an sein Federvieh. Bis zur Verwirklichung dieser Vorstellung gibt es jedoch noch einige Probleme zu lösen, beispielsweise die Frage: Wie lassen sich die Tiere ohne Handarbeit aus dem Mist herausholen?

PetraNiesbach