Von Viola Roggenkamp

Haben Sie denn einen Führerschein?" Der Zollbeamte am Skandinavienkai in Travemünde wandte sich mit diesen Worten an die Fahrerin eines schwedischen Volvos. Er konnte wirklich nicht wissen, daß die kleine achtzigjährige Frau hinter dem Steuerrad Clärenore Söderström, geborene Stinnes, war, die vor 54 Jahren als erster Mensch in ihrem Auto um die ganze Welt gefahren ist.

Ihre – Pioniertat haben die Historiker verschwiegen. Kein Geschichtsbuch berichtet von dieser Reise um den Globus, die damals in der Presse von New York über Berlin und Moskau bis Peking als Sensation gefeiert wurde.

Dagegen zählen im In- und Ausland alle Automobilclubs, die etwas auf sich halten, Clärenore Söderström zu ihren Ehrenmitgliedern. Die zierliche alte Dame mit der tiefen Stimme war zwischen 1925 und 1927 Europas berühmteste und erfolgreichste Renn- und Rallyefahrerin, mit der es zwischen Start und Ziel kaum ein Mann am Steuer aufnehmen konnte.

Heute fährt Clärenore nicht mehr "auf Chance", wie sie es nennt, sondern "auf Nummer Sicher", wenn sie die "kleine Strecke" zwischen ihrem gemütlichen Holzhaus an der Mosel und dem Gut in Südschweden mehrfach im Jahr zurücklegt.

Aber damals war das Risiko ihr willkommen. Der Familie wollte sie es zeigen, dem Stinnes Clan, daß Clärenore, die Tochter des seinerzeit reichsten Mannes Europas, auch auf eigene Faust leben konnte. Vater Hugo Stinnes, genannt der Ruhrbaron, Großindustrieller und mehrfacher Millionär bürgerlicher Herkunft – der erste Stinnes begann um 1800 als Ruhrschiffer –, hatte ein Wirtschaftsimperium aufgebaut, das nach seinem Tode 1924 in den Händen der zerstrittenen Söhne unterzugehen drohte.

Clärenore: "Nach Papas Tod bat ich Mama, mich an die Seite meiner Brüder in den Konzern aufzunehmen. Doch sie verweigerte mir diesen Wunsch. Das sei nichts für Mädchen, Daraufhin packte die damals 23jährige ihre sieben Sachen und zog von Mülheim nach Berlin, um dort ihre eigene kleine Handelsgesellschaft zu gründen. Das Stinnes-Tochter-Unternehmen ging pleite. Kompagnon und Rechtsanwalt hatten Gelder veruntreut. Prozessieren konnte sie nicht, "weil das für die Familie einen Skandal bedeutet hätte". So wurde aus der betrogenen Unternehmerin eine Rennfahrerin, was die Familie nicht weniger skandalös fand.

Die Dinos-Automobilwerke – "Deutsche Industrie nicht ohne Stinnes" reimte damals das deutsche Volk in tiefer Bewunderung – hatten es sich als Werbegag gedacht: Clärenore am Steuer eines Dinos beim Autorennen – so fing es an. "Egal, ob ich mich plazierte oder als Letzte ins Ziel kam: Eine Dame am Steuer war Reklame genug."

Als Clärenore 1925 an der Zuverlässigkeitsfahrt quer durch Rußland als einzige Frau neben 52 Männern, den Besten Europas, teilnahm und am Ende der strapaziösen Rallyereise 12 Männer hinter sich gelassen hatte, war der Name Stinnes durch sie zu neuem Ruhm gelangt. Die Gazetten rissen sich um sie. Der Berliner Gesellschaft war sie ihr Infant terrible geworden, unternehmungslustig, weltgewandt und dickköpfig wie der Vater.

"An der jungen Dame fällt auf", schrieb 1927 eine Illustrierte, "daß sie jung ist. Daß sie Hosen trägt (aus fabelhaftem Homespun). Daß sie klein und niedlich ist, wie eine Studentin. Einen martialischen Hut trägt, Borsalino, Fasson ‚zusammengedepscht‘. Daß sie in einem fort Zigaretten raucht und gern und viel lacht. Daß sie außer ihrer Muttersprache perfekt Englisch, Französisch, Spanisch und Schwedisch spricht." Und daß sie mit einem Auto um die Welt fahren will. Es war ihre Idee gewesen, und die Familie Stinnes beschloß sofort, der schrecklich emanzipierten Tochter für ihre unerhörten Pläne keinen Pfennig zu geben.

Abermals ist es ein väterliches Unternehmen, das ihr zur Seite steht, für das sie dafür Publicity macht. Die Frankfurter Adler-Werke stellen ihre neueste Serienlimousine "Standard 6" mit stabiler Stahlkarosserie zur Verfügung. Ein Sechszylinder mit 40 PS und 80 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. Zwei Liegesitze werden eingebaut und große Koffer auf die Trittbretter montiert. Mit von der Partie sind zwei Monteure in einem Adler-Lastwagen, der mit Benzinkanistern beladen ist, mit Ersatzteilen, Werkzeug, Reifen, einem Flaschenzug, Stemmbalken, drei Pistolen und einem Zelt.

Herstellerfirmen sorgen für Depots mit Benzin, Öl und Maschinenteilen in entlegenen Landstrichen. Sämtliche diplomatische Vertretungen des Reiches werden mit Autoteilen für Clärenore beliefert. Die Globus-Tour finanziert ihr die Autoindustrie. 100 000 Reichsmark kommen zusammen. Die sollen für ein Jahr reichen. Es werden aber zwei.

Am 25. Mai 1927 startet die 26jährige Stinnes-Tochter in Frankfurt. Neben ihr der schwedische Kameramann Carl Axel Söderström, der bis dahin meistens für Greta Garbo hinter der Kamera gestanden hatte und nun neben dieser kleinen jungen Frau mit recht gemischten Gefühlen ins Ungewisse fährt. Er soll alles auf dem kostbaren Zelluloid für die Mit- und Nachwelt festhalten. Nach wenigen Tagen schon findet sich in seinem Tagebuch die Eintragung; "Wenn das so weitergeht, kommt nur mein Hemd nach Hause."

Noch im Reich haben sie bereits die erste Reifenpanne. Clärenore ist eine strenge Expeditionsleiterin. Pausen auf der ersten Etappe gibt es nur zum Reparieren der empfindlichen Ballonreifen. Gegessen wird während der Fahrt. Sie hat 148 hartgekochte Eier im Gepäck.

Noch bis Moskau erreichen Clärenore mahnende Telegramme der Freunde aus Deutschland. Auch Gustav Stresemann bittet die Draufgängerin sorgenvoll per Depesche, ihr tollkühnes Unternehmen abzubrechen. Sie ist durch nichts zu bewegen, aber die beiden Monteure kehren um, lassen die Rennfahrerin mit ihrem Kameramann in Rußland im Stich.

In Irkutsk holt sie der russische hinter ein. 53 Grad Kälte. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder Monate warten oder über den zugefrorenen Baikalsee fahren. Clärenore ist für den Baikalsee. Dahinter liegt die Mongolei, liegt weniger Schnee. Beim ersten Versuch bricht sie fast mit dem Wagen ein. Sie müssen für diesmal aufgeben und Carl Axel notiert in seinem Tagebuch "12. Januar 1928 – mit heiler Haut zu Hause nach 45 Kilometern. Wölfe begleiten uns während der Fahrt. Stinnes bietet mir das Du an."

Sie versuchen es immer wieder. Jeden Morgen wird ein Feuer unter dem Wagen entzündet, damit das Öl auftaut. Und endlich schaffen sie es. Nach drei Stunden Todesangst zwischen Packeis und Eisspalten haben sie den größten Gebirgssee Asiens überquert (1741 Meter tief, in der Mitte 50 Kilometer breit, bei 650 Kilometer Länge).

In der Mongolei erwarten sie blutrünstige Hunghutzen, chinesische Deserteure, denen sie nur mit knapper Not entkommen, Am 17. März 1928 erreichen sie um 1.30 Uhr nachts die verschlossenen Stadttore von Peking. Mit dem Schiff setzen sie von China nach Japan über, von dort per Frachter nach Südamerika. Am 11. Juli beginnt ihre Fahrt durch Peru, begleitet von Hauptmann Galvez. Er soll über die Reiseroute der beiden eine topographische Karte anfertigen, denn über die Kordilleren gibt es weder Karten noch Wege.

Hier in den peruanischen Anden liegen wohl die schwärzesten Tage ihrer Autoreise um die Welt. Zu Fuß wären sie gewiß weniger strapaziös und schneller vorangekommen als mit dem Adler, den sie an der Leine über Schotterwände hinter sich herziehen müssen. Es gibt Tage, da schaffen sie nur ein paar Meter, dann sind sie mit ihrer physischen Kraft am Ende und können in der gnadenlos brennenden Sonne ihren Durst nur noch mit dem Kühlwasser des Wagens löschen.

Zwei Jahre nach ihrem Start, am 28. Mai 1929, wird ihnen in New York ein triumphaler Empfang bereitet, In Washington begrüßt sie Präsident Hoover im Weißen Haus. Clärenore hält einen Fünf-Minuten-Vortrag, der über 21 Rundfunkstationen ausgestrahlt wird. Amerika feiert die 27jährige als emanzipierte Frau, als Pionierin.

Am 24. Juni, nach 25 Monaten, erreichen Clärenore und Carl Axel wieder Berlin. 49 244 Kilometer sind sie gefahren durch 23 Länder. Am Adler war bis auf den Motor so ziemlich alles mal in die Brüche gegangen und von Clärenore und Carl Axel immer wieder mühevoll und erfindungsreich repariert worden. Der Film dieser Reise "Mit dem Auto durch zwei Welten" hatte wenig später im Berliner Ufa-Palast große Premiere.

Im Dezember 1930 heiratete Carl Axel Söderström die Stinnes-Tochter Clärenore. Sie gingen beide 1912 als Landwirte nach Schweden, zogen dort ihre drei Kinder und eine ganze Reihe Pflegekinder groß und ließen Weltreise und Filmgeschäft auf immer aus ihrem Leben verschwinden.

"Von Carl Axels Tagebuch habe ich nichts gewußt." Clärenore Söderström fand es erst vor wenigen Jahren nach dem Tode ihres Mannes in dessen Schreibtisch, Diese sehr persönlichen Aufzeichnungen, Tag für Tag auf der Globus-Tour niedergeschrieben, verbunden mit Clärenores Buch über die Weltreise und illustriert mit zahlreichen Söderström-Photos werden zur Frankfurter Buchmesse im Wolfgang Krüger Verlag beim Fischer Verlag erscheinen.