In England ist er zum Bestseller geworden, hat die Bevölkerung alarmiert und die Regierung beunruhigt. In der Bundesrepublik ist er weitgehend unbekannt geblieben, in den Buchhandlungen stoßen Kaufwünsche auf bedauerndes Achselzucken, auf Lager liegt das Gesuchte seiten. Die Rede ist vom Bericht der Nord-Süd-Kommission, die sich jahrelang unter dem Vorsitz von Willy Brandt Gedanken darüber gemacht hat, wie die Menschheit davon abgehalten werden kann, sich selber das eigene Grab zu graben:

"Das Überleben sichern. Gemeinsame Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer. Bericht der Nord-Süd-Kommission". Mit einer Einleitung des Vorsitzenden Willy Brandt. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 1980; 381 S., 19,80 DM.

In dem leicht lesbaren Bericht (der den vorige Woche vorgestellten Report "Global 2000" ergänzt) werden die großen Themenkreise gebündelt, über die die Menschheit sich verständigen muß, wenn es nicht zur Katastrophe kommen soll: Hunger, Bevölkerungsexplosion, Unterentwicklung und Armut in den meisten Regionen der Erde und Überentwicklung und Überfluß in einigen wenigen; das Gefälle zwischen Nord und Süd, das Gerangel um Ressourcen und Energiequellen, die völlig aus dem Lot geratene Weltwährungs- und Weltwirtschaftsordnung.

Gewiß, der Brandt-Report hat große Schwächen. Die Kommission vergab die Chance, neue und praktizierbare Entwicklungsleitlinien auszuarbeiten; statt dessen hat sie sich weitgehend auf Bestandsaufnahmen beschränkt. Und sie erhofft sich allzuviel vom Milliarden-Transfer in die Dritte und vierte Welt, ohne zugleich auch auf politischen und sozialen Reformen in diesem Gebiet zu bestehen. Ohne sie sind derartige Finanzspritzen wenig sinnvoll.

Dennoch ist der Kommissionsbericht eine wichtige und zum Nachdenken anregende Bilanz, gerade bei der allenthalben sichtbar werdenden Tendenz, Entwicklungsprobleme wieder auf das Abstellgleis zu schieben. Für Willy Brandt und seine Kommission, ja für die Nord-Süd-Politik überhaupt wäre das eine Fehlentscheidung, die sich keine Regierung mehr auf dieser Erde leisten kann. Denn: "Die Herausforderungen kommender Jahrzehnte werden nicht durch ein gegnerisches System von Gewinnern und Verlierern bewältigt werden – Nord gegen Süd und Ost gegen West, sondern nur durch eines, das sich auf allumfassende menschliche Solidarität und internationale Zusammenarbeit gründet."

Gabriele Venzky