Philosophische Überzeugungen können natürlich revidiert werden, wenn neue Erkenntnisse das gebieten. Dadurch unterscheidet sich die Philosophie als Wissenschaft von der Religion. Philosophische Überzeugungen sind jedoch unabhängig von wechselnden Machtverhältnissen. Dadurch unterscheiden sie sich von politischen Notwendigkeiten, die dem Gebot der Stunde gehorchen müssen.

Betrachten wir den Spruch des Römers, „Si vis pacem, para bellum“, in diesem Lichte. Er bedeutet: „Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.“

Wir sollten das als eine Stilfigur verstehen, als ein Paradoxon. Zunächst einmal muß doch wohl jeder, der den Frieden will, für den Frieden gerüstet sein. Er muß ausreichenden Besitz haben, so daß er nicht die Güter seines Nächsten begehrt. Er muß mit seinem Leben zufrieden sein, so daß er den Tod fürchtet. Er muß jugendliche Abenteuerlust befriedigt haben, so daß er nicht in die Versuchung kommt, von einem Krieg das große Abenteuer zu erwarten.

Aber das alles genügt nicht in einer Welt, die keine Welt der Philosophen ist. Daß die moralischen Gebote, die zwischen einzelnen Menschen gelten, auch zwischen Nationen Gültigkeit haben, hat nicht nur Macchiavelli, hat auch unser Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel bezweifelt. „Realpolitik“ verlangt nach anderen Geboten als denen der Bergpredigt. Den Frieden wollen, genügt nicht. Wir können ihn nicht bewahren, wenn wir nicht bereit sind, ihn auch zu verteidigen.

„Heilige“ Kriege waren sogar den Christen erlaubt. Heute glauben wir nicht mehr an ein „Heil der Seele“, das einen Krieg rechtfertigt. Die heiligen Kriege von heute sind Verteidigungskriege, die geführt werden, um unseren Boden und unser Volk, unser Erbe und unsere Zukunft zu schützen. –

Weniger paradox zugespitzt, wäre der lateinische Spruch leichter zu beherzigen. Er sollte heißen: Wenn du den Frieden willst, mußt du Angriffe auf dich und die Deinen abwehren können.

Die Übertreibung „dann bereite den Krieg vor“ entspricht nicht nur dem Stil eines Rhetorikers, sondern auch der Weltsicht eines Militärschriftstellers. Die uns als „Si vis pacem, para bellum“ überlieferte Lehre geht nämlich auf einen „Leitfaden der Kriegswissenschaft“ („Epitome rei militaris“) zurück, den ein Vegatius Renatus geschrieben hat und in dem es heißt: „Qui desiderat pacem, praeparet bellum“ (wer den Frieden wünscht, möge den Krieg vorbereiten).