In dieser Sache ist alles längst und schon mehrmals gesagt worden. Trotzdem muß man es immer wieder sagen. Zum Beispiel so:

"Anläßlich des Entzugs der Aufführungsrechte von Hansgünther Heymes Stuttgarter Inszenierung ‚Der gute Mensch von Sezuan’ von Bertolt Brecht durch die Brecht-Erben möchte die deutsche Akademie der Darstellenden Künste‘ in Frankfurt am Main mit allem Nachdruck auf die mißbräuchliche und willkürliche und anmaßende Handhabung durch die Brecht-Erbin, Frau Barbara Berg, hinweisen. Nicht nur hier in der Bundesrepublik, auch in der Deutschen Demokratischen Republik waren in den vergangenen Jahren zahlreiche Theater von der inkompetenten Nachlaßverwaltung durch Frau Berg betroffen. Eine Nationalisierung des Brecht-Erbes, die den Intentionen des Stücke-Schreibers sicher entsprechen würde, ist überfällig. Der Nachlaß Bertolt Brechts gehört in die Hände der Akademie der Künste! Es erscheint ausreichend, den Erben den ökonomischen Vorteil ihrer Verwandtschaft mit dem Dichter zuzugestehen. Die Rechte vom geistigen Eigentum gehören dem Volk."

Diesen Brief, unterzeichnet "mit freundlichen Grüßen" von Claus Peymann, Jürgen Flimm und Frank-Patrick Steckel, sandte die in den letzten Wochen jäh ins öffentliche Leben zurückgekehrte Deutsche Akademie der Darstellenden Künste, Frankfurt/Main, an die Akademie der Künste, Berlin/DDR. Und noch ein zweiter Brief, diesmal von Peymann allein unterzeichnet, verließ die Akademie, erreichte das Brecht-Opfer Heyme und vor allem natürlich die Öffentlichkeit. Peymann an den "lieben Hansgünther Heyme": "Machen Sie weiter und lassen Sie es auf ein Verbot der fertigen Aufführung ankommen. Wir unterstützen Sie und werden Ihrem Beispiel folgen."

Nun werde ich ein paar mißtrauische Gedanken nicht los: daß es schon seltsam ist, wenn Schauspieldirektor Heyme, Stuttgart, ausgerechnet vom Schauspieldirektor Peymann, ehemals Stuttgart, brüderlich umarmt wird; daß die Affäre einerseits für die neugewählten Führungskräfte der Frankfurter Akademie ein willkommener Vorwand sein mag, wortstark auf die eigene Führungskraft hinzuweisen; daß sie andererseits Heyme Gelegenheit gibt, in seiner allerliebsten Rolle, als Märtyrer, aufzutreten; daß schließlich Peymanns Appell an Heyme (nach dem Motto: stirb den Heldentod, Bruder, ich komme später) schon ein bißchen kurios klingt.

Aber das alles sind zweitrangige Fragen angesichts eines erstrangigen Skandals: Wieder einmal haben die Erben des Dichters Bertolt Brecht das Erbe des Dichters Bertolt Brecht, unter dem Vorwand, es zu schützen, verraten. Brecht, der skrupellos und produktiv wie kein anderer mit dem "geistigen Eigentum" anderer umging, hat nun Nachlaßverwalter, die jeden produktiven (oder gar provokativen) Umgang mit seinen Stücken urheberrechtlich verfolgen – wobei Brecht-Tochter Barbara Berg und Brecht-Verleger Siegfried Unseld das allerschönste, dubios-opportunistische Zusammenspiel vorführen. Es klingt wie ein reaktionärer Witz, ist aber im Falle Barbara Brecht die bittere Wahrheit: daß von allen Kapitalisten die Kommunisten die schlimmsten sind.

Heymes Kölner "Dreigroschenoper", 1975, mit einem zum jüdischen Geschäftemacher entstellten Peachum: verboten. Ein wichtiges Brecht-Projekt Benno Bessons, 1977: verboten. Die besten Regisseure der DDR: vertrieben. Das ehemals berühmteste Theater der DDR, das Berliner Ensemble: in Langweiligkeit entschlafen. Das ist die Erfolgsbilanz der Firma Brecht. "Nach mir wird kommen nichts Nennenswertes", hatte der Dichter gedichtet. Er kannte seine Erben.

Was tun? Die Verbote mißachten, bis ein Amtsrichter die Aufführung stoppt? Riskant und kostspielig. Eine Initiative ergreifen mit dem Ziel, das Urheberrecht zu ändern, das (eine Absurdität) die Werke des Erblassers noch 70 Jahre nach dessen Tod schützt? Mühselig, fast aussichtslos. Oder das Verbot mit einem Boykott beantworten, Frau Barbara mit Vaters Stücken alleinlassen? Das fände ich, auch wenn es zynisch klingt, die beste Lösung. Im Jahr 2026 könnte Hansgünther Heyme dann den "Guten Menschen von Sezuan" inszenieren und ich die Aufführung sehen – früh genug für uns beide.

Benjamin Henrichs