Altgediente Liebhaber des Vollbluts staunten mit offenem Mund: Wie in Siebenmeilenstiefein, so spielerisch, so leicht, so mühelos hängte am Ausgang des Schlußbogens im 112. Deutschen Derby auf der Rennbahn in Hamburgs Hörn der Hengst Orofino seine sechzehn Konkurrenten ab, flog ihnen Mitte der Einlaufgeraden regelrecht davon und passierte den Ziel : pfosten weit vor dem Feld der Mitläufer. Ein märchenhaftes Solo im Galopp. Der Spruch aus dem Richterhäuschen lautete: "Überlegen Weile", und das heißt, aus der Sprache; der Pferde und der Pferdemenschen übersetzt: mehr als zehn Längen. Hinter Orofino tat sich eine Riesenlücke auf, dann erst kamen die anderen — wie Gäste auf der falschen Hochzeit.

Ein solches Bravourstück hatten die meisten der 35 000 Derby Zuschauer noch nie erlebt, und ein paar ältere Turffans nur ein einziges Mal: vor 41 Jahren. Damals, im Jahre 1940, gewann die Schlenderhaner Stute Schwarzgold das Derby überlegen mit zehn Längen, imponierend wie kein Pferd vor ihr und keines nach ihr —r bis zum letzten Sonntag, als Orofino kam.

Eine mehr als schmeichelhafte Erinnerung: Schwarzgold, die "Wunderstute". Sie war wohl das beste deutsche Pferd, das je über die Rennbahnen galoppiert ist. Zu ihren Glanzzeiten konnte ihr kein anderes Pferd an die Gurte kommen, und der phänomenale Stil, in dem sie ihre Rennen zu gewinnen pflegte, erinnerte an die englischen Hengste Eclipse und St. Simon oder die ungarische Stute Kincsem, die noch immer als die unerreichten, besten Rennpferde aller Zeiten gepriesen werden. Für Orofino ist der Vergleich wohl ein, zwei Nummern zu groß, aber wenn man es dem Hengst flüstern könnte, daß am 5. Juli 1981 sein Name mit dem einer "Wunderstute" einmal im gleichen Atemzug genannt wurde, es würde ihn trunken machen — freudetrunken wie seinen Reiter, seinen Trainer und seine Besitzer nach dem Triumph.

Glück hat sie getroffen, die Leute vom Gestüt Zoppenbroich in Rheydt am Niederrhein, dreifaches Glück. 1973, fünfzig Jahre nach Gründung des Gestüts, hatte die Besitzerfamilie Bresges (Spinnereien, Webereien) nach fünf zweiten Plätzen mit dem Sieg von Athenagoras endlich den ersten großen Derby Coup landen können. Sechs Jahre später folgte, durch, den Hengst Königstuhl, Zoppenbroichs zweiter DerbyStreich— und nun, nur zwei weitere Jahre später, durch Orofino der dritte.

Da war ein erfolgreiches Team am Werk: Trainer der Zoppenbroicher Pferde ist Sven von Mitzlaff, einer der Besten seines Fachs, Lehrmeister von inzwischen sechs Derbysiegern; im Sattel von Königstuhl und Orofino saß Peter Alafi, mit über 1600 Siegen Spitzenreiter unter den deutschen Jockeys. Doch nicht nur den Züchter, den Stall, den Trainer und den Reiter haben die Zoppenbroicher Derbysieger Königstuhl und Orofino gemeinsam — auch den Vater. Es ist Dschingis Khan, ehemals ein Crack auf den kürzeren Strecken, dem man zunächst gar nicht recht zugetraut hatte, daß er Steherqualitäten für die 2400 Meter Derbydistanz vererben könnte. Aber das macht ja den Reiz der Vollblutzucht: Manchmal kommt es genau so, und manchmal anders, als man denkt.

Beinahe wäre es sogar ganz anders gekommen, und dies ist die Pointe der Zoppenbroicher Erfolgsstory: daß scheinbares Pech sich als; das wahre Glück erwies. Als nämlich vor zwei Jahren auf einer Auktion in Baden Baden Züchter ihre Produkte feilboten, stand im Katalog auch der Name eines gewissen Orofino. Der Jährling sollte verkauft werden; die Zoppenbroicher hatten sein Genie schlichtweg verkannt. Wegen einer im Grunde belanglosen Fesselkopfverletzung, die er sich auf der heimatlichen Koppel zugezogen hatte, wurde Orofino im letzten Moment von der Verkaufsliste gestrichen; Gestütsleiterin Heia Bresges entschied: In diesem Zustand gehöre er nicht auf die Auktion, das vertrage sich nicht mit dem Renommee des Hauses. Selten ist die Rechtschaffenheit eines Züchters so reich belohnt worden.

Man kann es beziffern: Genau 237 225 Mark wurden dem Sieger gutgeschrieben. Die Nächstplazierten durften sich die verbleibenden 192 225 Mark aus der respektablen Gesamtdotierung des ;Derbys 1981 von 429 450 Mark teilen. Wer aus den Summen ableiten wollte, mit Vollblutzucht und Rennen sei viel Geld zu verdienen, gäbe sich allerdings Illusionen hin. 280 Pferde, eine Rekordzahl, waren ursprünglich für das Derby gemeldet worden — zwanzig Monate im voraus, wie es die Rennordnung in diesem Falle befiehlt. Für alle mußte Nenngeld und — falls sie nicht bei einem der drei Streichungstermine zurückgezogen wurden — weiterer Einsätz von Startgeld bis zur Höhe von 2550 Mark geleistet werden. Nur die Besitzer von vier Pferden aber hatten am Ende auch etwas davon.