Von Klaus Harpprecht

Seit Wochen folgt Amerika gebannt einer gespenstischen und leidenschaftlichen Debatte. Die Schlacht der Geister wogt über die Meinungsseiten aller Journale, durch sämtliche Magazine, über die Kanäle des Fernsehens und die Wellen des Radios. Eine tiefe Front zerreißt die intellektuelle Elite – und, was wichtiger ist, die Auseinandersetzung dringt ins tägliche Gespräch bürgerlicher Familien vor. Das Signal für diese Mobilisierung moralischer Energien gab Jacobo Timermans Bericht von den zweieinhalb Jahren des Elends und der Marter, die er in den Gefängnissen des argentinischen Militärregimes erlitt: „Prisoner without a name, cell without a number“ (Verlag Alfred A. Knopf) – Häftling ohne Namen, Zelle ohne Nummer.

Der Autor, Jude osteuropäischer Herkunft, seit seiner Kindheit engagierter Zionist, war bis zu dem Tag, an dem ihn die Schergen der Generale aus seiner Wohnung holten, Chefredakteur und Herausgeber der liberalen Zeitung La Opinion in Buenos Aires: ein brillanter Journalist, unabhängig, Von seiner Leserschaft respektiert, da er mit gleicher Schärfe dem linken Terror der Montoneros wie dem rechten Gegenterror der Militärs Widerstand bot.

Timermans Leiden in den Folterkammern des autoritären Regimes unterscheiden sich nicht von den Qualen, denen täglich abertausend Menschen in den Kerkern der Tyrannen in Ost und West, Nord und Süd ausgeliefert sind. Den Henkern und Schindern fällt wenig Neues ein. Ihr Repertoire haben sie in den vergangenen Jahrzehnten lediglich durch die Verwendung dosierter Elektroschocks bereichert, mit denen sie sich die lästige und unappetitliche Arbeit des Prügelns ersparen. So wurde die Technik der Folter ein wenig verfeinert. Die Brutalität blieb die gleiche. Der sadistische Stumpfsinn richtet sein Interesse nach wie vor nur auf den einen Effekt: die Erniedrigung des Gefangenen und das Brechen seiner Persönlichkeit. Nichts Neues in der sonnenlosen Welt der Lager, der Gulags, der Zuchthäuser. Insofern ist die Häftlings- und Folterliteratur von einer erbarmungswürdigen Gleichförmigkeit. Immer die gleichen Bilder der Trostlosigkeit, des Entsetzens, der Verzweiflung.

Timermans Chronik ist freilich mit einer vergleichslosen Passion und einem großen Talent zur Formulierung geschrieben. Seine literarischen Qualitäten hätten indessen kaum genügt, dem Buch jene dramatische Wirkung zu verschaffen, die jetzt das Gewissen Amerikas erschüttert. Die Betroffenheit resultiert aus Timermans Anklage, daß er – wie tausend andere – von den Kommandeuren des argentinischen Terrors um seines Judentums willen gepeinigt und gedemütigt wurde. Niemand hat ihn bei den Verhören krimineller oder politischer Aktionen beschuldigt. Die Foltermeister gaben nicht einmal vor, daß er mit den Gesetzen des Landes oder ihres Regimes in Konflikt geraten sei. Sie bellten ihm lediglich den Vorwurf entgegen, daß er Jude und Zionist. sei, und sie erwarteten von ihm auch kein anderes Geständnis als die Bestätigung dieser Tatsache: Seine Schuld war, daß er Jude ist.

Ihren, fanatischen Antisemitismus verhehlten die Schinder nicht. Sie posierten höhnisch unter Hitler-Porträts und Hakenkreuzen. In unheildrohenden Gesprächen offenbarten sie ihren Haß gegen die „jüdisch-zionistische Konspiration“, an deren Existenz sie keinen Augenblick zu zweifeln schienen. Sie konnten sich nur nicht entscheiden, welcher Branche Jacobo Timerman diente: der sowjetischen, der amerikanischen oder der israelischen. Den Staat der Juden hatten sie im Verdacht, eine Landung an den Küsten Argentiniens und die Okkupation der melancholischen Provinz Patagonien zu planen. Die gesamte moderne Geschichte mündete in ihren Augen in eine gigantische Verschwörung, für die sie drei geniale Denker verantwortlich machten: Karl Marx, den Gründervater des Sozialismus, der das „christliche Konzept der Gesellschaft“, Sigmund Freud, den Gründervater der Psychoanalyse, der das „christliche Konzept der Familie“, und Albert Einstein, den Gründervater der modernen Mathematik, der das „christliche Konzept von Zeit und Raum zerstörte“ – alle drei jüdischer Herkunft.

Timerman sah wohl die Grausamkeit, mit der die argentinischen Büttel auch ihre christlichen oder glaubenslosen Gegner verfolgten. Doch er beobachtete besonders wachen Sinnes, mit welcher Bedingungslosigkeit sich der Haß auf die jüdischen Opfer konzentrierte. Sie wurden bitterer geschunden, hämischer verspottet, tückischer erniedrigt.

Trotzdem mußte gefragt werden, ob es angebracht war, daß die Rezension von Timermans Buch in der New York Times mit dem wuchtigen Titel „Die Endlösung in Argentinien“ überschrieben wurde. In den Gefängnissen von Buenos Aires verschwanden fünfzehn- bis zwanzigtausend Menschen ohne Spur und ohne Hoffnung auf Wiederkehr, davon viele Menschen jüdischen Glaubens. Das ist Massenmord. Aber hätte die Erinnerung an die Vernichtungsmaschine von Auschwitz nicht verbieten müssen, den Vergleich mit dem Völkermord der Nazis heraufzubeschwören? Wird der Holocaust nicht banalisiert, wenn er bei jedem Verbrechen unserer Zeit zitiert wird? Der Kolumnist Anthony Lewis begründete die robuste Überschrift am Ende seiner Besprechung in der New York Times: Ein Marineoffizier teilte Timerman ohne Umstand mit, alle Menschen, die des Terrors verdächtig seien, müßten ausgelöscht werden. – Was das heißen solle: Alle? – Der Offizier: „Das sind etwa zwanzigtausend Menschen. Und dann ihre Verwandten – und dann alle, die sich an ihre Namen erinnern – sie müssen ausradiert werden.“ Das ist der paranoide Geist der Endlösung, in der Tat.

Timermans Kritiker konnten einwenden, daß in Argentinien etwa 400 000 Juden leben, allein in Buenos Aires mehr als 250 000, daß sie in der Regel unbehelligt bleiben, daß sie ihren Geschäften nachgehen können, daß sie sich in ihren Synagogen, ihren Vereinen versammeln dürfen, daß sie über Zeitschriften und Verlage verfügen, daß sie frei sind, das Land mit Hab und Gut zu verlassen – und es dennoch vorziehen, in ihrer lateinamerikanischen Heimat auszuharren.

Hat Timerman also übertrieben? Niemand warf ihm vor, er habe anderes als die volle Wahrheit geschrieben. Doch um so härter stieß man sich an jenen Passagen, in denen er den Repräsentanten jüdischer Organisationen ins Gesicht sagte, sie verharmlosten oder verschwiegen die schrecklichen Ereignisse, die sich vor ihren Augen zutrügen, ja, sie verhielten sich in furchtsamer Anpassung nicht anders als die „Judenräte“, die mit den nazistischen Exekutoren des Mordes zusammengearbeitet hatten, „um das Schlimmste zu verhüten“. Er schonte auch die Amerikaner nicht. Der republikanischen Administration und ihrer intellektuellen Vorhut schleuderte er die böse Feststellung entgegen, sie duldeten die chronische Verletzung der Menschenrechte durch eine faschistische Militärdiktatur, weil ihnen die antikommunistische Allianz mit eben dieser Diktatur wichtiger sei. Auch die Regierungspartei Israels prangerte er an, weil sie die argentinische Diktatur durch Waffenlieferungen unterstütze.

Damit war eine Diskussion von explosiver Qualität eröffnet. Sie hätte sich indes kaum zum Skandal gesteigert, wäre die Publikation nicht mit der Senatsprozedur für die Bestallung des Menschenrechtsbeauftragten im State Department zusammengetroffen. Ernest Lefever, der Kandidat der Regierung Reagan, mußte auf eine mißtrauische Befragung im Senat vorbereitet sein. An keinem Namen der neuen Administration entzündete sich der Ärger der Liberalen so heftig wie an seinem. Niemand sprach ihm guten Willen und eine redliche Gesinnung ab. Doch Lefever, Hochschullehrer mäßigen Talents, hatte in seinen öffentlichen Äußerungen wieder und wieder deutlich gemacht, daß zum einen der kalte Krieg für ihn niemals beendet wurde, daß er den Kommunismus schlechthin als Verletzung der Menschenrechte betrachtet, und daß er zum anderen geneigt ist, in den Greueln der rechten Tyranneien eher läßliche Sünden zu erkennen, die auf stille Weise korrigiert werden sollten.

Vor dem außenpolitischen Ausschuß des Senats trat er mit einer provozierenden und zugleich fast erbärmlichen Ungeschicklichkeit auf. Jacobo Timerman setzte sich zu dem Publikum des Hearings. Er wurde mit demonstrativem Beifall begrüßt und schließlich von der demokratischen Opposition als Zeuge zitiert. Er verbarg nicht, daß seine Sympathien eher der Menschenrechtspolitik von Präsident Carter galten. Der Vorgängerin Lefevers, Patricia Derian, und ihrer beharrlichen Geheimdiplomatie verdankt er seine Befreiung: einer temperamentvollen Dame, gescheit und integer, ganz geprägt durch ihr Engagement in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Ihre streitbare Aufsässigkeit wurde nicht in allen politischen Lagern geschätzt, obschon sie sich im Dienst der Regierung einer musterhaften Disziplin unterwarf. Neben dieser grundsympathischen Frau hatte der trockene, hölzerne Lefever keinen leichten Stand. Timerman gab ihm den Rest. Die republikanischen Senatoren beschworen Ronald Reagan, die fragwürdige Ernennung zurückzuziehen. Das Weiße Haus fügte sich murrend in die Niederlage.

Der Präsident hatte sie wohl ohne allzu großen Kummer verschmerzt. Anders seine ideologischen Avantgardisten. Sie empfanden den unfreiwilligen Rücktritt Lefevers als eine Herausforderung, der sie sich stellen mußten, sollte ihre moralische Front nicht zusammenbrechen. Ohnedies beugten sie sich nur widerwillig der Mäßigung, die der Präsident im Konflikt um San Salvador befahl. Er pfiff General Haig zurück, als ihn Umfragen belehrten, wie unpopulär ein Engagement der Vereinigten Staaten bei der Bevölkerung sein würde.

Jeane Kirkpatrick, Botschafterin bei den Vereinten Nationen, hatte 1979 in der Zeitschrift Commentary eine Art Generalklausel der konservativen Menschenrechtspolitik formuliert, an die keiner der Gralshüter rühren lassen wollte. Sie unterschied zwischen totalitären Regimes, denen sie jede Wandlungsfähigkeit absprach, und traditionellen Autokratien, denen sie zubilligte, daß sie sich verändern könnten und daß sie überlieferte Tabus wie familiäre Bindungen oder Religionszugehörigkeit respektierten.

Mit grimmiger Entschlossenheit trat Irving Kristol, den man den Generalvikar des neokonservativen Ordens nennen könnte, mit einer Polemik im Wallstreet Journal auf den Plan, um die Kirkpatrick-Doktrin zu retten. Der Entlastungsangriff kann ihm nicht leichtgefallen sein. Selbst wenn man der argentinischen Militärdiktatur zugesteht, daß sie der Definition einer traditionellen Autokratie zu entsprechen versucht: Timermans Aussage bestätigte, daß die traditionellen Familientabus Tag für Tag mit Füßen getreten wurden. Die Schinder fanden es ganz natürlich, Eltern vor den Augen ihrer Kinder mit ordinärster Gemeinheit zu erniedrigen oder die Kinder vor den Augen der Eltern sexuell zu mißbrauchen. Offener Antisemitismus paßt auch nicht zum traditionellen Respekt vor den Werten der Religion.

Über die Theorie ließe sich lange rechten. Man könnte anmerken, daß die Lage der Juden in Argentinien immerhin gewisse Ähnlichkeiten mit ihrer Situation im Dritten Reich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aufweist. Auch damals wurde zunächst eine Minderheit der jüdischen Bürger in die Lager und Gefängnisse geprügelt, und auch damals existierte die Freiheit der Emigration, sofern ein fremdes Land bereit war, die Bedrohten aufzunehmen. Auch damals empfanden viele jüdische Bürger die Diskriminierung nicht als völlig unerträglich. Die Endlösung wurde zwei Jahre nach Kriegsausbruch ins Werk gesetzt.

Auch damals konnte man der Meinung sein, die Nazi-Diktatur entferne sich nicht allzu weit von den Merkmalen einer traditionellen Autokratie. Wandlungsfähig indessen war sie nicht. Dagegen hat sich das kommunistische Jugoslawien durchaus verändert. So auch das kommunistische Polen, wie immer das Experiment ausgehen mag. So vielleicht das kommunistische Ungarn. So das kommunistische China. Wasserdicht ist die Lehre der Miß Kirkpatrick nicht.

Hielt es Irving Kristol darum für nötig, Timermans Ehrenhaftigkeit anzutasten? Er gab an, daß Anteile der Zeitung La Opinion sich im Besitz des windigen Finanzexperten David Graiver befunden hätten, der mit seinen betrügerischen Spekulationen zwei amerikanische Banken in den Bankrott getrieben hatte und angeblich bei der Flucht aus den Vereinigten Staaten mit einer Privatmaschine in den mexikanischen Bergen abgestürzt war. Ihm sagte man auch Beziehungen zu den Montoneros nach. Timerman hat diese Verbindung in seinem Buch nicht erwähnt. Er bezeugte später, daß er bei den Verhören nur einmal nebenbei nach Graiver befragt worden war. Die Generale hätten gewiß nicht gezögert, ihm finanzielle Manipulationen oder Sympathien für die Terroristen vorzuhalten, wenn sie dafür einen Anhalt besessen hätten.

Kristol fiel dazu wenig ein. Er schrieb mit seifiger List: „Es gibt keinen Beweis, daß Mr. Timerman wußte, was Mr. Graiver im Schilde führte – dies macht sein Schweigen über die Graiver-Affäre um so unerklärlicher.“ Kristol stellte Timerman den kubanischen Sozialisten Huber Matos gegenüber, der lange in Castros Verliesen geschmachtet hatte, und er fragte, ob es ein Zufall sei, daß Matos seine Memoiren nicht in der Zeitschrift New Yorker publizieren konnte, daß er nicht vor den außenpolitischen Ausschuß nach Washington gerufen wurde, daß er zu einem Dasein im Schatten verdammt sei. Indessen mußte er sich nachweisen lassen, daß Huber Matos seine Erinnerungen bis heute nicht geschrieben oder abgeliefert hat, obwohl viele Verlage und Zeitschriften ihr Interesse an einem Buch anmeldeten. Diese Berichtigung verdient Glauben. Sie stammt von einem literarischen Agenten in New York, der zugleich die Interessen von Timerman und von Matos vertritt.

Carl Gershman, der frühere Vorsitzende der kleinen und wackeren Splitterpartei „Social Democrats USA“, nun längst im Lager der Neokonservativen angesiedelt, befand zu Kristols Polemik, er habe das Stück geschrieben, weil Timerman von Leuten benutzt werde, die Reagan und seine Administration angreifen, wollten. Gershman: „Okay, er ist wütend, und er wurde schlecht behandelt. Aber viele Leute in dieser Welt sind durch die Hölle gegangen, und viele haben Schlimmeres durchgemacht als er.“ Gershman, der eine hohe Position im Stab der Botschafterin Kirkpatrick einnimmt, versorgte den erzreaktionären Kolumnisten William Buckley mit angeblichen Zitaten des Eichmann-Jägers Simon Wiesenthal, der sich kritisch über Timerman geäußert haben soll. Wiesenthal. wies die Formulierungen als Fälschung eines uruguayischen Journalisten zurück. Gershman meinte, kleinlaut und hochfahrend zugleich, er habe das nicht wissen können. Doch warum zeigten er und Kristol ein so aufgeregtes Interesse an der Verbreitung von Verdächtigungen, die sie nicht weiter nachgeprüft hatten?

Nach diesen blamablen Korrekturen war es gewiß kein Zufall, daß Irving Kristol einer Debatte im Fernsehen über den Fall Timerman fernblieb. Er hätte wohl keine gute Figur gemacht. Das Gespräch unter der Leitung von Bill Moyers, dem einstigen Pressesprecher von Lyndon B. Johnson, wurde zu einer bizarren Veranstaltung. Ein britischer Journalist, Christ und nicht Jude, der seine eigenen Erfahrungen mit argentinischen Gefängnissen gemacht hatte, bestätigte Timermans Zeugnis ohne Vorbehalt.. Ernest Lefever schien von seinen Neurosen gelähmt zu sein. In seiner jammervollen Verkrampfung war er kaum eines klaren Satzes fähig. Er stammelte wirre Worte – und das im Namen einer Regierung, der er nicht angehört. Patricia Derian verteidigte mit Leidenschaft Präsident Carters Menschenrechtspolitik, die sich tatsächlich nach einer unglückseligen Propaganda-Ouvertüre aller Wege der geheimen und offenen Diplomatie bedient hatte, auch gegenüber den Sowjets, die gelegentlich durchaus zu Konzessionen bereit waren.

Sie hat erreicht, daß die Generale in Argentinien sich den Pressionen Washingtons beugten und die Zahl der willkürlichen Verhaftungen drastisch reduzierten. Dies gilt auch für andere Staaten in Südamerika, Afrika und Asien. Miß Derian fürchtet aber, daß die ideologische Erstarrung der Neokonservativen und ihrer Delegierten in der republikanischen Administration von den „traditionellen Autokraten“ als stilles Einverständnis mit ihren kriminellen Exzessen interpretiert werden könnte. Ein konservativer – Rabbiner, der sich in Buenos Aires auskennt, deutete düstere Zusammenhänge an, denen aber niemand nachging: Eher beiläufig erwähnte er, die israelische Regierung Ministerpräsident Begins habe Argentinien mit Waffen versorgt, um die jüdischen Bürger des Landes zu schützen. Das wäre ein Handel, der an den Lastwagen-Schacher erinnert, als Eichmann ungarische Juden freikaufen lassen wollte.

Südafrika, das mit Israel militärisch noch enger liiert ist, hat solche Erpressungen bis jetzt nicht versucht. Seine Juden sind geschützt. Es begnügt sich mit der Unterdrückung der schwarzen Mehrheit. Vielleicht war es Carl Gershman deswegen nicht möglich, einer Resolution der Sozialistischen Internationale gegen die Apartheidspolitik zuzustimmen. In einer Äußerung zum Fall Timerman faßte er zusammen, es gehe in Wahrheit nicht nur um Menschenrechte. Das Problem sei subtiler, es gehe um die Haltung gegenüber dem Kommunismus ... und wie die amerikanische Außenpolitik mit der komplexen Frage autoritärer Regierungen verfahre, die dem Westen freundlich gesonnen seien.

Geht es darum? Oder auch um eine bedrückende Vermischung antikommunistischer und pro-israelischer Motive, für die ein psychologischer Schlüssel in der Definition gesucht werden könnte, daß verschärfter Antikommunismus Israel in jedem Fall zugute kommt? Es wäre aber auf eine fatale Weise kurzsichtig, wenn man das Geschick des jüdischen Staates den Gesetzen des kalten Krieges unterordnete. Jacobo Timerman, der mit gleicher Entschiedenheit Antifaschist und Antikommunist ist, freilich kein Freund des Eiferers Menachem Begin, wäre entsetzt, wenn sich Israel, das ihm nun zur Heimat wurde, den Zwängen solcher ideologischer und strategischer Simplifizierung auslieferte. Sein Zionismus nährt sich aus einem freiheitlichen und humanitären Erbe.

Daran scheiden sich die Geister – in Israel, in Amerika und anderswo. Die Debatte Timerman wurde zum Signal eines Prozesses, den man im gewissen Sinne einen Kampf um die Seele Amerikas nennen könnte. Ein Mitarbeiter der Zeitschrift New Leader sagte von Timerman, es sei sein Unglück, daß er ein altmodischer Liberaler sei.

Warum altmodisch? Weil er den Intellektuellen Amerikas und Israels die Wahrheit zuwirft, daß ihr Platz, an der Seite der Verfolgten, der Geschundenen und Entrechteten sein muß, gleichviel unter welcher Knute sie leiden? Weil er die Juden daran erinnert, daß die Verteidigung bedrängter Minderheiten ihre historische Pflicht und ihre unvergleichliche Leistung war? Daß sie die glaubwürdigsten Anwälte der Schwachen waren – und daraus ihre Kraft bezogen? Daß sie sich nicht damit zufrieden geben dürften, wenn Außenminister Haig die Annäherung der Vereinigten Staaten an die argentinische Militärdiktatur mit den Worten rechtfertigt, „beide Länder teilen einen Glauben an Gott“?

So einfach ist es nicht. Das weiß auch Irving Kristol. Das weiß sein neokonservativer Anhang. Die Aggressivität ihrer Sprache deutet auf eine heimliche Beschämung hin.

Dafür gibt es Grund genug. In jener Fernsehdebatte versuchte ein beckmesserisch-pedantischer Professor von der Columbia-Universität säuberlich und abstrakt zwischen totalitären und autokratischen Sünden zu differenzieren: Man vergaß nachgerade, daß hier über Menschen und ihr Elend gesprochen wurde. Als eine argentinische Mutter aus dem Publikum nach ihren verschollenen Söhnen fragte, wußte keiner eine Antwort. Die Tränen der Opfer fließen nicht links oder rechts, sondern aus beiden Augen.

Nächste Woche:

Auszug aus Timermans

„Häftling ohne Namen, Zelle ohne Nummer“