Von Hans Mayer

Als er im vorigen Jahr als erster Preisträger mit dem „österreichischen Staatspreisfür Kulturpublizistik“ ausgezeichnet wurde, was immer man sich darunter vorstellen mag, stellte der – wohlmeinende und gut informierte – Laudator Roman Roček das Werk des preisgekrönten Günther Anders dar als „Kreuzung von Journalismus und Metaphysik“: „Seine Sorge gilt der Zukunft. Genauer: dem Zerstören von Zukunft. Noch genauer: dem Auseinander? klaffen von technischem Vermögen und Urteilsfähigkeit.

All diese Kennzeichnungen sind nicht falsch. Sie können mit Belegen aus dem Werk von Günther Anders aufwarten. Natürlich gibt es die philosophische Abhandlung im Œuvre eines Schülers von Edmund Husserl und Martin Heidegger. Der Sohn des Hamburger Ordinarius für Psychologie, William Stern, hatte bei Husserl promoviert – nach gut phänomenologischem Brauch über „Die Rolle der Situationskategorien im Logischen“. Mit 25 Jahren veröffentlichte er eine philosophische Untersuchung „Über das Haben“ (1927). Als er 1933 nach Paris emigrieren mußte, schrieb er dort eine „Pathologie de la Liberte“, worin die These verkündet wurde, daß der Mensch existentiell „verurteilt sei zur Freiheit“. Jean-Paul Sartre, drei Jahre jünger als Günther Stern (oder Günther Anders, wie der Schriftstellername dann lauten sollte), las den Traktat – und übernahm einige seiner Grundgedanken. Nicht durch Günther Anders, sondern eben durch Sartre wurde dann die Formel von dem zur Freiheit verurteilten Menschen weltberühmt. Übrigens machte Sartre später kein Hehl aus seiner frühen Lektüre. Er bekannte sich zu Anders und dessen „Pathologie de la Liberte“, als beide viel später, nach zwei Weltkriegen, in Stockholm zusammentrafen, beim Russell-Tribunal über den Vietnamkrieg.

Es gibt in der Tat beides:die metaphysische Betrachtung und die Zeitanalyse, die sich der Form-Modelle der Zeitung, des Rundfunks, auch des Fernseh-Features zu bedienen hat. Günther Anders hat all diese Medien, wenn es die Sache und Aufgabe erforderte, nutzen können. Etwa in dem politischen Briefwechsel mit dem – angeblichen – amerikanischen Atom-Piloten Claude Eatherly. Daß er dabei an einen falschen Adressaten geriet, was die Atompropaganda freudig ausnutzte, ändert nichts am Ernst und an der sachlichen Notwendigkeit jener Korrespondenz über Atombombe und menschliche Verantwortung. Das ist, seit mehr als dreißig Jahren, entscheidendes Thema aller Schriften und Aktivitäten dieses Denkers aus Breslau, der nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil nach Wien gelangte, um dort zu bleiben. Im Jahre 1959 gab er einem Essay die Überschrift „Unmoral im Atomzeitalter – Warnung während einer Windstille“, worin er einfach konstatierte, denn es bedurfte der Thesenverkündung nicht mehr angesichts der Realität, daß „Moral und Unmoral epoche-unabhängig seien“. Übrigens war das eine Weiterführung von Gedanken Friedrich Nietzsches zur Genealogie der Moral. Neu formuliert und bestürzend richtig aber wurde in dieser Analyse der Moral im Atomzeitalter konstatiert: „Da die Lüge Welt geworden ist, erübrigen sich also ausdrückliche Lügen ...“

Freilich, dies alles ist ein Amalgam aus metaphysischem und ästhetischem Reflektieren und zugleich aus politischem Engagement. Trotzdem läßt sich die Besonderheit des Denkers und Schriftstellers Günther Anders nicht zutreffend als Verbindung von Metaphysik und Journalismus interpretieren. Auch die These von der Sorge dieses Denkers um die „Zukunft“ und das „Zerstören von Zukunft“ übersieht die Sonderbarkeit, daß dieser bedeutende Denker und polemische Tagespolitiker, den man jahrelang ausgelacht und geschmäht hat, weit eher als Denker der Bewahrung verstanden werden muß, denn als Utopist oder gar, nach dem Modewort, als Chaote. In jenen fünfziger Jahren, und in Wien, konnte der Autor Friedrich Torberg den erfolglosen und ausgelachten Günther Anders scheinbar fertigmachen mit Hilfe einer herablassenden Belehrung, worin auch die Anrede „Burschi“ nicht verschmäht wurde.

Heute liegen die beiden Bände des Hauptwerkes vor über „Die Antiquiertheit des Menschen“. Wer sie liest, der weiß, daß Anders nicht nur weitgehend recht hatte, sondern auch schon sehr früh, vielleicht allzu früh. Die These vom „bewahrenden Denken“ bei Günther Anders freilich scheint zu kontrastieren mit seinen Protesten und Gegen-Aktionen: gegen den Krieg in Vietnam; bei Tagungen über das Atomproblem in Nagasaki und Hiroshima; übrigens auch auf einer Tagung über das Problem der Menschenrechte in der Bundesrepublik, wobei es – auch bei Günther Anders – nicht abging, ohne eine gewisse Donquichotterie. Trotzdem: alle Kennzeichnungen dieses merkwürdigen – Mannes sind unvollständig, wenn sie nur die philosophische Arbeit konfrontieren mit den politischen Aktivitäten, ohne weiter Notiz zu nehmen von der – bisweilen überbordenden – Aktivität des Künstlers und des kreativen, also nicht allein diskursiven Schriftstellers.

Den besten Zugang, habe ich herausgefunden, bieten die „Fabeln“ von Günther Anders, die er 1968 unter dem Titel „Der Blick vom Turm“ veröffentlichte. Dazu hatte noch A. Paul Weber zwölf Lithographien beigesteuert, die so genau zur Diktion und Haltung des Verfassers dieser Fabeln passen, daß man von einer spezifischen Wahlverwandtschaft beider Künstler sprechen darf. Eine dieser Fabeln bekam die Überschrift: