Hannover: „Bernhard Dörries“

Der 1978 achtzigjährig in Bielefeld verstorbene Dörries war ein Mitarbeiter des Hauses, das nun die Retrospektive veranstaltet. Wie Schwitters, Max Burchartz und Otto Gleichmann, denen er in seiner Kunstauffassung allerdings nicht folgte, war er Mitglied der Hannoverschen Sezession. 1938, nach der Entlassung Georg Schrimpfs, wurde er Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, wo er auch 1955 seine Tätigkeit wiederaufnehmen konnte. (In einem dem Lehrer Dörries gewidmeten Exkurs stellt der Kunstverein Arbeiten einiger Schüler vor – von Inge Höher, seiner Frau, Sigrid Kopfermann, Peter Berndt, Per Gernhardt, Christiane Gumpert und Egon Neubauer.) Nachdem sich Dörries lange Zeit eher beiläufig mit der Malerei beschäftigt, sich auf das Aquarellieren von Reiseeindrücken beschränkt hatte, entstand ab der zweiten Hälfte der sechziger Jahre ein umfangreiches Alterswerk. Er komponierte Stilleben, in denen der Brotlaib, der Apfel, der Krug, der Teller und das Ei zum Schaustück werden, als dessen „wichtigsten Besitz“ er den Umriß betrachtete. Ein jedes Ding hat hier seinen Platz, so daß es scheint, als sei eine pedantische Hausfrau am Werk gewesen. Diese späten Bilder simplifizieren die additive Fügung des „Frühstücksstillebens“ von 1927, durch das vor allem der Maler bekannt wurde. Dörris’ bevorzugte Motive waren Bechergläser mit klarem Wasser und spröde Mädchen. Er war sehr fürs Ordentliche und für die Sauberkeit. In „einer Zeit der Willkür und allgemeinen Zerrüttung“ schien ihm die Rückkehr zur Tradition heilsam. Dem Expressionismus begegnete er 1920 mit seiner Forderung nach „strenger Selbstzucht“, nach „Opfer und Dienst“ im Sinne der Überlieferung. Die „durchgearbeitete Form“, wie er sie verstand, ist nicht etwa der brutalen Präzision eines Schad vergleichbar, sie stellt nichts bloß. Den Mädchen aus der Pfarrgemeinde, die der hannoversche Pastorensohn am Anfang seiner Malerlaufbahn porträtierte, möchte man Lilien in die artigen Hände legen. In oberflächlicherer Manier vertrat Dörries dann eine der „neuen deutschen Malerei“ der Jahre 1933–1945 vollkommen entsprechende Anschauung „positiv behaupteten Lebens“. Als Beispiel dafür steht das „Mädchen mit Strohhut“ von 1937. Vierzig Jahre später ist das Kostüm der Landmädchen aus dem Haus der Deutschen Kunst, sind Strohhut und schlichtes Sommerkleidchen an den Nagel gehängt Der Maler malt Regale, in denen sich Gegenstände säuberlich reihen: „Andenken“, „Freuden des Alten“, „Kindheitserinnerungen“ und endlich (1977/78) „Ein Malerleben“. Da fügt sich widerspruchslos ein Lieblingsbild zum anderen, zwischen den Modellen des Geburtshauses und der Staffelei. Ein allzu aufgeräumtes Leben ist als Stilleben arrangiert. (Kunstverein Hannover bis 30. August, Katalog 19 Mark)

Volker Bauermeister

München: „Die neue Frankfurter Schule“

Die neue Frankfurter Schule tut genau das, was die staatstragende Partei in Bayern von der alten Frankfurter Schule (und das waren die bösen Buben Adorno, Horkheimer & Co.) immer behauptet, sie zündelt, das brennende Haus auf dem Plakat läßt daran keinen Zweifel. Allerdings sind die Herren Robert Gernhardt, Hans Traxler und Friedrich Karl Wächter, die sich, auf der untergehenden TITANIC gemütlich eingerichtet haben (von. wo sie stets letzte Botschaften an die ZEIT funken), Brandstifter in demokratischem Auftrag – sie legen Feuer an die Widerstandsnester einer verkrusteten Moral, an die morschen Mauern des Palastes der falschen Ideale. Die neue Frankfurter Schule sieht, wie man weiß, die Welt durch die Brille der Karikatur, die entgegen landläufiger Meinung nicht verzerrt, sondern vergrößert – und dabei stellt sich meist heraus, daß die Wirklichkeit selbst die Verzerrungen produziert Für die Liebhaber des schrägen Strichs sind hier die Originalzeichnungen Traxlers Bildgeschichten „Die Leute von Gestern“ und Gernhardts Bildgeschichten – „Das Dreieck aber, wandert wandert bis daß es in der Gosse landert“ – ausgestellt (alles vom ZEITmagazin bereits vervielfältigt) und dazu eine Auswahl von Wächters Zeichnungen, die in den beiden Büchern „Da guckt wieder kein Schwein“ und „Es lebe die Freihei“ gesammelt vorliegen (Galerie Bartsch + Chariau bis zum 31. 7.) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen Baden-Baden: „Bruce Naumann 1972–1981“ (Staatliche Kunsthalle bis 3. 8., Katalog 25 Mark)

Berlin: „Karl Friedrich Schinkel – Architektur, Kunstgewerbe, Malerei“ (Orangerie Schloß Charlottenburg bis 13. 9., Katalog 25 Mark)

Berlin: „Berliner Sezession – 1898 bis 1910“ (Berliner Kunstverein bis 23. 8., Katalog 25 Mark)

Berlin: „Islamische Kunst, Meisterwerke ans dem Metropolitan Museum of Art New York“ (Staatliche Museen bis 23. 8., Katalog 25 Mark)

Bonn: „Jeanne Mammen 1890–1976 – Retrospektive“ (Kunstverein bis 30. 8., Katalog 18 Mark

Hamburg: „Grafik großer Meister – Zeichnungen von Alberto Giacometti“ (Kunstverein bis 26. 7., Katalog 24 Mark)

Hamburg: „Tutanchamun“ (Museum für Kunst und Gewerbe bis 19. 7., Katalog 15 Mark)

Hannover: „Niki de Saint Phalle – Retrospektive 1954–1980“ (Kunstmuseum bis 23. 8. Katalog 20 Mark)

Hildesheim: „Kunstschätze ans China“ (Roemer- und Pelizaeus-Museum bis 7. 9., Katalog 32 Mark)

Köln: „Westkunst – Zeitgenössische Kunst seit 1939“ (Rheinhallen bis 16. 8., Katalog 32 Mark)

Stuttgart: „Klaus Rinke, Handzeichnungen“ (Staatsgalerie bis 2. 8., Katalog 25 Mark)

Stuttgart: „Szenen der Volkskunst“ (Württembergischer Kunstverein bis 26. 7., Katalog 32 Mark)

... und nebenan:

Paris: „Paris – Paris“ (Centre Pompidou, bis November)

Zürich: „Mythos und Ritual in der Kunst der 70er Jahre“ (Kunsthaus bis 23. 8.)