Von Raimund Hoghe

Als ein Berliner Filmemacher kürzlich für ein Porträt verschiedene Leute über ihn befragt habe, sei es sehr schwer gewesen, "eine positive Stimme zu finden – also die Aggressionen sind unheimlich stark gegen mich". Homosexuelle mögen den Schwulen so wenig wie Heterosexuelle, bei aufgeschlossenen Zeitgenossen eckt der Filmemacher ebenso an wie bei Intoleranten, als (Selbst-)Kritiker einer Minderheit setzt sich Rosa von Praunheim zwischen alle Stühle und versucht auch nicht, es sich und anderen bequemer zu machen. Auch beim Interview erfüllt er erst einmal Erwartungen und zeigt sich distanziert in bekannten Rollen: Provokateur, Selbstdarsteller, Anarchist,. Bürgerschreck mit Lust an gewagten Formulierungen ("Ich hab’ meinen Vater sehr scharf gefunden") und Sinn für schlagzeilenträchtige Inszenierungen – wie die Verlobung mit der gut 20 Jahre älteren Evelyn Künneke oder den Amateurfilmwettbewerb über den Tod, in dem er als ersten Preis "eine Nacht mit Rosa von Praunheim" versprach.

"Gibt es Sex nach dem Tode?" – provozierend gibt sich Rosa von Praunheim auch im Titel seines vor wenigen Monaten erschienenen Buches über den Tod, das einmal mehr die für seine Arbeiten vertraute Abwehr hervorrief. Seine wilde Collage aus Horrorvisionen und Realität, Trivialem und Gewalt löste Abscheu und Ekel aus. "Die meisten fanden es zu brutal – so könnte man mit dem Tod nicht umgeben." Der zum selben Thema gedrehte Fernsehfilm wurde dann auch erst gar nicht gesendet. Anstoß erregten unter anderem die aus Nachrichtensendungen stammenden und dort anstandslos akzeptierten Kriegs- und Todesbilder, die Praunheim mit Punk-Musik unterlegte – und damit den bei der Präsentation solcher Bilder sonst gewahrten "guten Geschmack" verletzte.

Für ihn sei die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod auch ein Versuch gewesen, eigene Ängste abzubauen, sagt der 1942 als Holger Mischwitzky in Riga geborene Rosa von Praunheim. Wie weit ist ihm das gelungen? "Das ist schwer zu sagen; Das ist genauso wie beim Schwulenfilm, Man weiß zwar mehr, hat ein stärkeres Bewußtsein, aber der Konflikt zwischen Bewußtsein und Realität, der wird stärker-Aber rein praktisch verändert sich da erst mal wenig, dann du lebst ja nicht allein Du weißt, daß du ausgesetzt bist einer Gesellschaft, die gerade mit dem Tod ganz reglementiert und ganz gesetzmäßig präzis umgeht, und daß du genau wie alle anderen, wenn du schwer krank wirst, im Krankenhaus ausgesetzt bist irgendwelchen Ärzten, die mit dem Tod nicht gelernt haben umzugehen. Da kannst du natürlich allein erst mal wenig machen. Im Grunde kann man nur anregen, daß sich viele Leute damit beschäftigen und mitarbeiten an einer Veränderung, aber allein?"

"Du stirbst zwar allein, aber trotzdem stirbst du in ’ner Gesellschaft, Du stirbst im Krankenhaus, du stirbst in einer gewissen Umgebung, du stirbst..." "Schmeckt’s?", fragt der Ober in der Gaststätte, in der wir zum erstenmal miteinander sprechen, "Ja, danke", antwortet Rosa von Praunheim und fährt fort? "Ich möchte nicht allein sterben. Ich glaube, daß dieses Jeder stirbt für sich allein‘ auch ein Zivilisationsschäden ist, Ich glaube, wie man lernt, in einer Gemeinschaft zu leben und nicht nur in Konkurrenz zu anderen, daß man genauso lernen sollte, gemeinsam zu sterben, oder wenn man allein stirbt, dann eben bewußter allein stirbt. Ich möchte einfach mehr Möglichkeiten haben."

"Unsere Leichen leben noch" singen am Ende seines gerade in Berlin abgedrehten neuen Spielfilms fünf Damen über 60, die in der Kriminalkomödie mysteriösen Anschlägen ausgesetzt sind und Überlebens: mit ihrer Vitalität und Kraft, ihren Marotten und Träumen, ihren Problemen und Ansprüchen ans Leben. "Die sind unheimlich toll", erwärmt Rosa von Praunheim von seinen Hauptdarstellerinnen – "da sind wir nichts dagegen. Wenn du die siehst, denkst du, wir sind alte Knacker. Die sind so jung und vital und so toll."

Mit seiner Begeisterung für ältere Frauen steht der 38jährige nicht allein. "Ich glaube, Schwule haben sehr oft eine starke Beziehung zu älteren Frauen und sehr wahrscheinlich zu starken Frauen überhaupt. Was ich rausgekriegt habe, ist, daß mich starke Frauen faszinieren, also Persönlichkeit. Alles, was stark und persönlich ist, ist für mich sehr toll", erklärt Rosa von Praunheim, und: "Ein Schwuler, der sich von der Psyche her erst mal schwach fühlt, weil er ja unterdrückt ist, den fasziniert diese Stärke von schwachen Leuten. Und es gibt ja sehr vieleältere Frauen, die stark geworden sind im Alter, weil sie sich jetzt alles leisten können und plötzlich sich ausleben können." An anderer Stelle sagt er: "Ich finde es sehr spannend, im Alter auch eine Stärke zu entdecken."