Von Jürgen Brauerhoch

Das Autobahndreieck Holledau, gewiß, das kennt wohl jeder von den Hunderttausenden, die gerade wieder unterwegs sind von Nord nach Süd, über Ingolstadt und München, nach Österreich und Italien. Und ein paar Hopfenstangen rauschen auch bei Pfaffenhofen am „Intercity“ vorbei. Aber die Vorbeifahrenden nehmen kaum Notiz von der Holledau, und die Holledau schert sich nicht um sie.

Eines Tages aber könnte ihr diese Ignoranz gefährlich werden. Schließlich mehrt sich die Zahl derer, die gerade in touristischem Niemandsland Abenteuer zu entdecken glauben. Schon haben ein paar Bhagwan-Jünger im verschlafenen Margarethenried eine Poona-Filiale gegründet und massieren und meditieren neben den Hopfengärten. Und am Nordrand, kurz vor der Donau, macht sich Bad Gögging mit „Limes-Therme“ und großen Plänen daran, ein richtiger Kurort zu werden. Aber mittendrin herrscht noch Ruhe.

Neugier wecken könnte schon, daß es zwei Schreibweisen gibt: das harte „Hallertau“, das von Hallhart-au kommen und soviel wie „die das am finsteren Walde“ heißen soll, und das hopfenflauschige „Holledau“, das an Frau Holle, an Rundes, Weibliches erinnert. Tatsächlich kehrt diese Dialektik in der Landschaft wieder, die einerseits lieblich-gewellt und andererseits deutlich bestimmt ist durch die strenge Symmetrie der Hopfenstangen. In der Holledau werden heute – auf ziemlich kleinem Raum zwischen Isar und Donau, zwischen Ingolstadt, München, Regensburg und Landshut – immerhin fünfzehn Prozent der Hopfen-Welternte produziert. „Der Welt größtes, zusammenhängendes Hopfenanbaugebiet“ ist auch so ziemlich alles, was man im Lexikon (Volksausgabe) unter dem Stichwort „Holledau“ geboten bekommt.

Im Lande selbst ist es sehr viel mehr, aber wer hat je über Erlebnisse im Hopfenland geschwärmt, das Loblied seiner Merkwürdigkeiten gesungen?

Die Merkwürdigkeiten fangen natürlich mit dem Hopfen an. Es gibt ihn – wie in der Rinderzucht von den paar notwendig geduldeten Bullen abgesehen – nur mehr in weiblicher Form, nur die weibliche pflanze bildet die zapfenartige Blüte – auch Dolde genannt –, die zum Bierbrauen gebraucht wird; die männliche Pflanze ist nicht nur überflüssig, sie ist sogar lästig, weil befruchtete Zapfen zu schwer sind und die Klärung untergäriger Biere beeinträchtigen. So gibt sich in puncto Vermehrung der Hopfen autoerotisch und pflanzt sich über Stecklinge fort. Was allerdings weder natürlich ist noch von selbst geschieht: Die Hopfenzucht macht viel Arbeit.

Wie überhaupt der Hopfenbau nicht weniger aufwendig ist als der Weinbau. Bis ins späte Mittelalter hinein hat man in der Holledau ohnehin – wie heute noch aus Ortsnamen wie „Kelheimwinzer“ ersichtlich ist – neben Getreide vorwiegend Wein angebaut. Erst als sich im 18. Jahrhundert herumsprach, daß Bier mit Holledauer Hopfen besonders würzig schmeckt, und als das Staatliche Hofbräuhaus angewiesen wurde, nur noch diesen Hopfen zu verwenden, kam die eigentliche Hopfen-Hausse in der Holledau und mit der Zeit auch ein gewisser Wohlstand ins Land.