In der vorigen Ausgabe der ZEIT berichtete Klaus Harpprecht unter dem Titel „Die Affäre Timerman“ von der heftigen Debatte in Amerika über Präsident Reagans Menschenrechtspolitik.

Von Jacobo Timerman

Die Zelle ist eng. Wenn ich in der Mitte gegenüber der Stahltür stehe, kann ich nicht meine Arme ausstrecken. Aber sie ist lang, und wenn ich mich hinlege, kann ich mich ganz und gar ausstrecken. Ein Glücksfall, denn in der Zelle, die ich vorher bewohnte – wie lange eigentlich? –, mußte ich mich beim Sitzen zusammenkauern und beim Liegen die Knie anziehen.

Die Zelle ist auch recht hoch. Wenn ich springe, kann ich nicht die Decke berühren. Die weißen Mauern sind erst kürzlich gestrichen worden. Vorher standen bestimmt Namen, Ermutigungen, Daten, Botschaften drauf. Jetzt sind alle Spuren und Zeugnisse gelöscht.

Der Boden der Zelle ist immer naß. Irgendwo gibt es ein Leck. Die Matratze ist auch immer naß. Ich habe eine Decke und damit sie nicht naß wird, trage ich sie immer um meine Schultern. Wenn ich mich mit der Decke zudecke, werde ich von unten klitschnaß. Allmählich finde ich heraus, daß es besser ist, die Matratze aufzurollen, so daß immer ein Stück nicht den Boden berührt. Das obere Stück kann dann trocknen. Das bedeutet allerdings, daß ich mich nicht hinlegen kann, sondern im Sitzen schlafen muß. Mein Leben geht weiter in dieser Zeit – wie lange noch? –, entweder im Stehen oder im Sitzen.

Die Zelle hat eine Stahltür mit einer Öffnung, die so klein ist, daß man nur einen winzigen Teil eines Gesichtes sehen kann. Die Wachen sind angewiesen, die Öffnung geschlossen zu halten. Licht fällt durch einen schmalen Spalt, der gleichzeitig für Frischluft sorgt. Es ist das einzige Licht und die einzige Frischluft. Ein fernes Leuchten, Tag und Nacht, welches das Zeitgefühl auslöscht, einen Halbschatten in einer Atmosphäre von verbrauchter Luft schafft.

Meine vorherige Zelle fehlt mir – wo war sie? –, weil sie ein Loch im Boden hatte; dort konnte ich meine Notdurft verrichten. In dieser Zelle muß ich die Wachen rufen, damit sie mich zur Toilette bringen. Das ist eine komplizierte Prozedur, und die Wachen haben nicht immer Lust dazu –

*

Die Disziplin der Wachen läßt zu wünschen übrig. Oft bringt einer Essen, ohne mir die Augen zu verbinden. Dann kann ich sein Gesicht sehen. Er lächelt. Wachdienst ist ihnen lästig, denn sie müssen auch als Folterknechte arbeiten, Verhöre führen und als Kidnapper Dienst tun. Sie sind die einzigen, die in diesen Geheimgefängnissen funktionieren. Andererseits steht ihnen bei jeder Festnahme ein Teil der Beute zu. Einer der Wächter trägt meine Uhr. Während eines Verhörs bot mir ein anderer eine Zigarette an und gab mir Feuer mit dem Feuerzeug meiner Frau. Erst später erfuhr ich, daß sie Befehl von der Armee hatten, während der Entführung nichts in meinem Hause zu stehlen, aber sie konnten der Versuchung nicht widerstehen. Auf goldene Rolex-Uhren und Dupont-Feuerzeuge waren die argentinischen Sicherheitskräfte im Jahre 1977 geradezu versessen.

In der frühen Dämmerung eines Aprilmorgens im Jahre 1977 stürmten etwa zwanzig bewaffnete Männer in Zivil meine Wohnung im Zentrum von Buenos Aires. Sie sagten, sie führten die Anweisungen der 10. Infanterie-Brigade des Ersten Armee Corps aus. Am nächsten Tag verlangte meine Frau Aufklärung vom Ersten Armee Corps und hörte, daß sie nichts über meine näheren Umstände wüßten.

Sie unterbrachen unsere Telephonleitung, nahmen unsere Autoschlüssel an sich, legten mir die Hände auf dem Rücken in Handschellen. Sie verhüllten meinen Kopf mit einer Decke, fuhren mit mir in den Keller, rissen mir die Decke vom Kopf und forderten mich auf, ihnen mein Auto zu zeigen. Im Fond des Wagens warfen sie mich auf den Boden, verhüllten mich mit der Decke, trampelten mit ihren Füßen auf mir herum und stießen mich immer wieder mit etwas, das sich wie der Kolben eines Gewehrs anfühlte.

Kein Wort fiel.

... Sie holten mich aus dem Auto und schleuderten mich zu Boden.

Dann folgte eine lange Pause. Ich konnte nur das Getrappel der Füße hören. Plötzlich brach einer in Gelächter aus. Jemand näherte sich mir und drückte, was sich wie der Lauf eines Revolvers anfühlte, gegen meinen Kopf. Er legte eine Hand auf meinen Kopf, und aus allernächster Nähe, so als beuge er sich über mich, sagte er: „Ich zähle jetzt bis zehn. Sag’ Lebwohl, Jacobo, mein Lieber. Es ist aus mit dir.“ Ich sagte nichts. Er begann zu zählen...

„... Zehn.“ Ha ... ha ... ha! Ich hörte Gelächter. Ich fing auch an zu lachen. Laut. Großes Gebrüll.

Sie nehmen mir die Binde von den Augen. Ich bin in einem großen, schwach beleuchteten Arbeitszimmer. Ich sehe einen Schreibtisch, Stühle. Colonel Ramón J. Camps, Polizeichef der Provinz Buenos Aires, beobachtet mich. Er befiehlt, daß meine Handschellen geöffnet werden. Das dauert lange, weil irgend jemand die Schlüssel verlegt hat. Oder vielleicht hat es auch nur ein paar Minuten gedauert. Er befiehlt, daß man mir ein Glas Wasser bringt.

„Timerman“, sagt er, „Ihr Leben hängt davon ab, wie Sie meine Fragen beantworten.“

„Ohne Voruntersuchung, Oberst?“

„Ihr Leben hängt von Ihren Antworten ab.“

„Wer hat meine Festnahme angeordnet?“

„Sie sind ein Gefangener des Ersten Armee Corps.“

*

Als ich La Opinión gründete, war ich 24 Jahre lang als politischer Journalist für Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen tätig gewesen. Die erste Ausgabe erschien am 4. Mai 1971, im April 1977 wurde ich verhaftet. In diesem Zeitraum wurde Argentinien von sechs Präsidenten regiert. Sanktionen gegen La Opinión gab es unter all diesen Regimen: staatliche Repressalien, Bombendrohungen gegen mein Haus und Büro, der vermutliche Mord an einem Redakteur (er verschwand spurlos) und schließlich meine eigene Verhaftung und die Beschlagnahmung der Zeitung durch die Armee.

*

In den langen Monaten meiner Einkerkerung habe ich mich oft gefragt, wie man den Schmerz, den ein Gefolterter erlebt, vermitteln könnte. Ich kam immer wieder zu dem Schluß, daß es nicht möglich sei.

Es ist ein Schmerz ohne Berührungspunkte, ohne erhellende Symbole, ohne Hinweise, die Aufschluß geben könnten. Der Mensch wird so schnell von einer Welt in die andere versetzt, daß er gar nicht in der Lage ist, seine Kraftreserven anzuzapfen, um sich gegen diese ungezügelte Gewalt wehren zu können. Das ist die erste Phase der Folter: den Menschen überraschen, ihm keinerlei Verteidigung erlauben, nicht einmal psychologische. Des Menschen Hände sind auf dem Rücken gefesselt, seine Augen sind verbunden. Keiner spricht. Er wird geschlagen. Er wird zu Boden gedrückt, und jemand zählt bis zehn, aber er wird nicht getötet. Er wird dann zu einem Feldbett oder einem Tisch geführt, ausgezogen, mit Wasser übergössen, mit ausgestreckten Armen und Beinen an den Enden des Bettes oder Tisches festgebunden.

Die Elektroschock-Behandlung beginnt. Die Menge der Elektrizität, die durch die Elektroden – oder wie immer sie heißen – läuft, ist so reguliert, daß es nur schmerzt oder brennt oder zerstört. Man schreit nicht, man brüllt. Wenn dieses menschliche Aufheulen einsetzt, überwacht jemand mit zarten Händen dein Herz, jemand steckt dir seine Hand in den Mund und zieht die Zunge raus, damit du nicht erstickst. Jemand steckt dir ein Stück Gummi zwischen die Zähne, damit du dir nicht auf die Zunge beißt oder die Lippen kaputt machst. Eine kurze Pause. Und dann beginnt alles von vorne. Diesmal mit Beleidigungen. Eine kurze Pause. Und dann Fragen. Eine kurze Pause. Und dann Worte der Hoffnung. Eine kurze Pause. Und dann wieder Beleidigungen. Eine kurze Pause. Und dann Fragen.

Was fühlt der Mensch? Das einzige, was mir einfällt: Sie schlitzen dich auf. Aber sie haben mich nicht aufgeschlitzt. Das weiß ich jetzt. Sie haben ja nicht einmal Spuren hinterlassen. Doch es fühlte sich an, als ob sie mich aufschlitzten. Und was noch? Mir fällt nichts ein. Keine anderen Wahrnehmungen? Nicht in dem Augenblick. Aber haben sie dich nicht geschlagen? Ja, aber das tat nicht weh.

Wenn Elektroschocks eingesetzt werden, spürt er nur, daß ihm sein Fleisch aufgerissen wird. Und der Mensch heult. Hinterher spürt er die Schläge nicht. Auch am nächsten Tag nichts wenn es nur Schläge und keine Elektroschocks gibt. Er verbringt Tage in einer Zelle ohne Fenster, ohne Licht, entweder er sitzt, oder er liegt. Er verbringt auch Tage an die unterste Stufe einer Leiter gekettet, dann kann er sich nicht aufrichten, sondern nur knien, sitzen oder sich hinlegen. Er darf sich einen Monat nicht waschen, er wird auf dem Boden eines Autos zu Verhören an verschiedenen Orten transportiert, er wird schlecht ernährt und riecht schlecht. Er wird 48 Stunden in einer kleinen Zelle eingesperrt, mit verbundenen Augen, Hände auf dem Rücken gefesselt, er hört nichts, er sieht nichts, er muß sich in seinen Exkrementen suhlen...

Wenn ich auch, nicht das Ausmaß des Schmerzes vermitteln kann, so kann ich doch vielleicht denjenigen, die in Zukunft gefoltert werden, einen Rat geben. Menschen werden weiterhin gefoltert werden – in verschiedenen Ländern, unter verschiedenen Regimen. In den anderthalb Jahren, die ich unter Hausarrest stand, habe ich viel über meine Haltung in den Folterstunden nachgedacht. Mir wurde klar, daß ich instinktiv eine totale Passivität entwickelt hatte. Einige kämpften dagegen, zum Foltertisch getragen zu werden; andere bettelten, nicht gefoltert zu werden; wieder andere beleidigten ihre Folterer. Ich verharrte in totaler Passivität. Weil meine Augen verbunden waren, wurde ich an der Hand geführt. Und ich ging. Das Schweigen war Teil des Terrors. Und doch sprach ich kein einziges Wort. Als ich auf dem Bett saß, befahl man mir, mich hinzulegen. Und ich tat es, ganz passiv. Ich glaube, daß diese Passivität mir einen großen Teil meiner Kraft bewahrte, die ich dann einsetzen konnte, um der Folter zu widerstehen. Ich hatte das Gefühl, ich würde zum Kohlkopf, ich schloß alle logischen Gefühle und Wahrnehmungen aus – Angst, Haß, Rache –, denn jedes Gefühl bedeutete nutzlose Verschwendung von Energie.

Meiner Meinung nach ist dies ein sehr guter Rat. Wenn erst einmal beschlossene Sache ist, daß ein Mensch gefoltert werden soll, gibt es nichts, was diese Folter verhindern wird. Und es ist besser, sich passiv zu den Schmerzen führen zu lassen, als verbissen dagegen anzukämpfen, als wäre man ein normaler Mensch. Die Kohlkopf-Einstellung kann Leben retten.

Viel später merkte ich, daß ich eine Technik des inneren Rückzugs entwickelt hatte. Ich versuchte mit allen nur erdenklichen Mitteln, mir irgendeine berufliche Aufgabe zu stellen, die zu den Vorgängen, die um mich herum geschahen oder von denen ich dachte, daß sie geschahen, in keinerlei Beziehung stand. Ganz absichtlich unterließ ich alle Spekulationen über mein eigenes Schicksal, das meiner Familie, das des Volkes. Ich widmete mich ganz dem Dasein eines einsamen Menschen, dem eine bestimmte Aufgabe übertragen worden ist.

Manchmal, funktionierte der Mechanismus nicht, und es dauerte Stunden, ihn wieder in Gang zu setzen: nachklingende Schmerzen nach den Verhören, Hunger, das Bedürfnis nach einer menschlichen Stimme, nach Nähe, nach einem Gedächtnis. Doch es gelang mir jedesmal, den Mechanismus des inneren Rückzugs wirksam zu machen und auf diese Weise zu verhindern, daß ein anderer Mechanismus gefolterter Einzelhäftlinge von mir Besitz ergriff, der dahin führt, daß sich Bindungen an die Wächter und Folterer entwickeln. Beide bedürfen einander irgendwie: Der Folterer braucht das Gefühl der Allmacht, ohne das er kaum seinen Beruf ausüben könnte – der Folterer braucht das Echo des Gefolterten; der Gefolterte hingegen findet in seinem Folterer eine menschliche Stimme, das Zwiegespräch, eine Art Teilnahme an seinem gegenwärtigen Leben – er bittet um Mitleid, den Gang zur Toilette, um einen weiteren Teller Suppe, er bittet um das Fußballergebnis.

*

Das hab ich mir alles erspart.

Sie befehlen mir, mich mit dem Rücken an die Wand zu stellen. Sie verbinden mir die Augen. Sie führen mich aus der Zelle. Ich gehe eine lange Zeit, von hinten gestoßen und geführt von jemanden, der mich ein ums andere Mal bei den Schultern packt und mich in die Richtung drückt, in die ich gehen soll. Es gibt viele Kurven und Ecken. Erst viel später, als ich unter Hausarrest stand, erzählte mir ein Polizist, daß der Weg wahrscheinlich gar nicht so weit war, aber ich wohl im Kreis geführt worden sei.

Ich höre Stimmen und habe das Gefühl, ich bin in einem großen Raum. Ich nehme an, daß ich mich für die nächste Foltersitzung ausziehen muß. Aber sie setzen mich angezogen hin und binden mir die Arme auf dem Rücken zusammen. Die Elektroschocks fangen an, sie dringen durch meine Kleider bis auf die Haut. Es schmerzt entsetzlich, aber nicht so sehr, wie wenn sie mich nackt hinlegen und mit Wasser übergießen. Die Schocks lassen mich in meinem Stuhl aufspringen und stöhnen.

Fragen gibt es keine. Nur eine Welle von Beleidigungen, die mit jeder Minute zunehmen. Plötzlich schreit eine hysterische Stimme ein einziges Wort: „Jude ... Jude ... Jude ...!“ Die anderen fallen ein und bilden einen Chor und klatschen dazu mit den Händen, wie wir als Kinder, wenn der Tom-Mix-Film im Kino anfing: „Kino ... Kino ... Kino!“

Jetzt amüsieren sie sich wie toll und brechen in Gelächter aus. Einer versucht eine Variation: „Beschnittener ... Beschnittener ... Beschnittener.“ Daraufhin wechseln sie händeklatschend ab: „Jude... Beschnittener... Jude... Beschnittener ...“ Offensichtlich sind sie nicht mehr wütend, sie haben einfach Spaß.

Ich springe im Stuhl auf und ab und stöhne unter den Elektroschocks. Bei einer dieser Zuckungen falle ich zu Boden, der Stuhl hinterher. Das macht sie wütend wie Kinder, die man beim Spielen unterbricht. Und wieder beleidigen sie mich. Die hysterische Stimme erhebt sich über die anderen: „Jude... Jude...“

*

Einen politischen Gefangenen konnte man hassen, weil er ins andere Lager gehörte, aber man konnte auch versuchen, ihn zu überzeugen, ihn umzudrehen, ihn seine Fehler einsehen zu lassen, ihn auf die andere Seite zu ziehen und für sich arbeiten zu lassen. Aber wie kann man einen Juden ändern? Das ist Haß: ewig, endlos, vollkommen, unausweichlich. Immer unausweichlich.

Nicht die Antisemiten müssen verstehen lernen. Wir, die Juden, müssen es.

Ich habe auch mit jüdischen Gefangenen aus sowjetischen Gefängnissen gesprochen und ihre Aufzeichnungen und Briefe gelesen. Sie bestätigen, daß die kommunistischen Befrager sich gegenüber dem Feind gewöhnlich anders verhalten als gegenüber dem Feind-Juden. Der Feind kann bekehrt werden, er wurde ja nicht als Feind geboren. Der Jude aber wurde als Jude geboren.

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Eine Ärztin wird an ihren Haaren durch, den Korridor eines Krankenhauses in Buenos Aires geschleift. Ihre Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Der Mann, der sie schleift, ist fett und trägt Zivilkleidung. Dann werden ihr auch die Beine gefesselt, sie wird mit einer Decke verhüllt, auf eine Trage gelegt und in einen Lieferwagen geschoben. Etwa fünfzehn bewaffnete Männer nehmen teil an dieser Aktion.

Sie trafen in drei Autos ein, betraten das Krankenhaus ohne sich auszuweisen, fragten, wo die Ärztin auf ihrem Spezialgebiet – Psychiatrie – praktiziere und schleppten sie dann ab. Niemand fragte sie, wer sie seien oder wer sie schicke. Niemand verwendete sich für die Ärztin. Die Verwaltung, die anderen Ärzte, die Schwestern, die Patienten – alle wußten, was los war.

In den ersten Monaten, nachdem das Militär die Macht in Argentinien an sich gerissen hatte, war keine Bevölkerungsgruppe so von Entführungen und Verschwinden betroffen wie die Psychiater. Die Nachrichtendienste der Streitkräfte waren zu dem Schluß gekommen, daß die Psychiater sich hinter den Kulissen der Stadtguerilla auskannten, und daß es ihre Aufgabe war, die Guerilla psychisch wieder aufzurichten bei Depressionen als Ergebnis des Lebens im Untergrund.

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Das Sonder-Militär-Gericht Nr. 2 entschied, daß keine Anklagepunkte gegen den Vorgenannten Jacobo Timerman vorliegen, daß er damit außerhalb ihrer Rechtsprechung stehe und daß es darum keinen Grund gäbe, ihn weiter in Haft zu halten. Dies wurde Ende September 1977 beschlossen, ich erfuhr davon am 13. Oktober 1977.

Die Verhöre, die Deklarationen, die Erklärungen waren vorüber. Doch die Militärregierung hielt mich noch zwei Jahre unter Hausarrest, bis zum 24. September 1979, als der Oberste Gerichtshof zum zweiten Male erklärte, daß nichts gegen mich vorliege, was meine Haft rechtfertigen könnte ... Der Innenminister erklärte, er sei überzeugt, daß ich ein Umstürzler sei, er könnte es mir aber leider nicht nachweisen. Die Generale trafen sich und stimmten, trotz des Beschlusses des Obersten Gerichtshofes mit überwältigender Mehrheit dafür, daß der Angeklagte Timerman weiter in Haft bleibe, am besten in einer Militärgarnison, und daß der Oberste Gerichtshof abdanken solle. Erst als Präsident Jorge Rafael Videla – vom Ausland unter Druck gesetzt – zurückzutreten drohte, wenn der Beschluß des Obersten Gerichtshofes nicht befolgt würde, fand die Armee eine salomonische Lösung: Sie annullierte meine argentinische Staatsbürgerschaft, wies mich außer Landes und beschlagnahmte meine Güter.

Übersetzung: Christine Brinck

Copyright: 1980 by Afrioan International Productions N. V. Das Buch erscheint Im Frühjahr 1982 Im S. Fischer Verlag.