Von Ernst Thape

Die Konferenz hatte schicksalhafte Bedeutung. Wäre sie im Sinne von Walter Ulbricht, der zusammen mit Wilhelm Pieck die Kommunisten führte, verlaufen, dann gäbe es heute schon längst kein freies Berlin mehr; denn dann hätte es unter der Führung des Sozialdemokraten Ernst Reuter keinen siegreichen Widerstand Berlins gegen die russische Blockade gegeben, weil keine Abstimmung der Sozialdemokraten gegen die Vereinigung mit den Kommunisten möglich gewesen, weil Sozialdemokraten in Berlin nicht mehr vorhanden gewesen wären. Vor allen hätten dann auch nicht bei den Berliner Stadtverordnetenwahlen am 20. September 1946 im Angesicht der Weltöffentlichkeit die Sozialdemokraten in Berlin 49 Prozent der Stimmen bekommen können, während die kommunistisch geführte SED ganze 20 Prozent erhielt.

Die Rede ist von der Konferenz, zu der am 20. und 21. Dezember 1945 auf Initiative der Kommunisten dreißig Sozialdemokraten und die gleiche Zahl von Kommunisten zusammenkam, um über die Vereinigung der beiden eben erst neu entstandenen Parteien zu beraten. Ihr Protokoll blieb sechsunddreißig Jahre lang unbekannt:

Gert Gruner/Manfred Wilke (Hsg.): „Sozialdemokraten im Kampf um die Freiheit – Die Auseinandersetzung zwischen SPD und KPD in Berlin 1945/46“; Piper-Verlag, München 1981,223 S., 16,– DM.

Das Protokoll ist echt. Ich war einer der sechzig und finde im Buch dreimal meinen Namen, wenn auch unter drei verschiedenen Schreibweisen – als Thape, Tage und Pape.

Man kann annehmen, daß Wilhelm Pieck die Mitschrift veranlaßte, denn ihm, dem Sprecher der Kommunisten, kam es darauf an, seinen Auftraggebern den Politoffizieren der sowjetischen Besatzungszone, die sehr systematisch und generalstabsmäßig arbeiteten, genaue Unterlagen zu geben. Er schickte Otto Grotewohl, dem Sprecher der Sozialdemokraten, am 27. Dezember 1945 die Durchschrift des Protokolls mit den Worten: „Ich bitte Dich, das Stenogramm in Deine persönliche Verwaltung zu nehmen, damit es nicht in andere Hände außerhalb Eures engeren Kreises kommt... es sind über die Beziehungen unserer beiden Parteien zu den Besatzungsbehörden hier und da Ausführungen gemacht worden, die es nicht opportun erscheinen lassen, es in weiteren Umlauf zu setzen.“

Tatsächlich wurden sehr kritische Bemerkungen von den Sozialdemokraten Grotewohl, Klingelhöfer und Dahrendorf über das Vorgehen der russischen Besatzungsoffiziere gegen Sozialdemokraten gemacht, die als Sprecher ihrer Partei örtlich oder regional auftraten und bekannt wurden. Wilhelm Pieck entschuldigte das in seiner Rede damit, daß er feststellte, in jedem Ort gebe es einen Kommandanten und die seien oft selbstherrlich. Er gibt in seiner Rede auch die Begründung für die Forderung nach dem sofortigen Parteienzusammenschluß: die Wahlen in in Österreich. Bei dieser Wahl in Österreich am 4. November 1945 hatten die Sozialdemokraten 76 Mandate errungen, die Kommunisten aber ganze vier. Moskau erkannte an der österreichischen Wahl, daß die Prophezeiung Ulbrichts, die Bevölkerung werde scharenweise den kommunistischen Siegern zulaufen, falsch war. Stalin befahl die sofortige Kursänderung, um zu verhindern, daß die kommunistischen Stimmen gezählt werden konnten.

Die innere Spannung dieser Sechziger-Konferenz kann man erst verstehen, wenn man bedenkt, daß diese Konferenz schon fünf Tage vor Weihnachten 1945 stattfand, also sieben Monate und zwei Wochen nach dem letzten Schuß des Zweiten Weltkrieges am 9. Mai 1945. Am 25. Mai dieses Jahres war ich erst aus dem Konzentrationslager Buchenwald zu meiner Familie nach Magdeburg zurückgekehrt, hatte gerade angefangen, die SPD (mit dem Buchenwald-Manifest als Legitimation in der Hand) neu zu organisieren (zusammen mit Gustav Schmidt, der auch an der Konferenz teilnahm), da verschwand die amerikanische Besatzung aus meiner Heimatstadt am 1. Juli und die russischen Panjewagen zogen ein.

Wenn man sich vergegenwärtigt, wie es in Deutschland nach der Kapitulation am 9. Mai 1945 ausgesehen hat, darf man auch heute noch erstaunen, wie lebenskräftig die Sozialdemokratische Partei in wenigen Monaten nach Kriegsende wieder geworden war. Kurt Schumacher hatte schon am 5. Oktober 1945 in Wennigsen bei Hannover in der ersten Zusammenkunft der Sozialdemokraten gesagt: „Wir deutschen Sozialdemokraten sind nicht britisch, nicht russisch, nicht amerikanisch, nicht französisch, wir sind die Vertreter des deutschen arbeitenden Volkes und damit der deutschen Nation.“ Diesen Satz Schumachers kannten wir in der sowjetisch besetzten Zone noch nicht, aber aus dem Protokoll habe ich erfahren, daß ich am 21. Dezember fast dasselbe sagte, als ich davon sprach, daß der die Führung Deutschlands bekommen werde, der sich zur deutschen Nation bekenne.

Allerdings: So deutlich wie Schumacher konnten wir Sozialdemokraten in dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands nicht sprechen. Nicht nur, weil die Besatzungsoffiziere, die in jeder Versammlung zuhörten, sie dann einfach verboten hätten, sondern auch, weil schon bei der Neubildung der Partei auf widerstrebende Vorstellungen der neuen Mitgliedschaft zu achten war. Viele der alten Sozialdemokraten waren aus den Gefängnissen und den Konzentrationslagern mit dem Vorsatz zurückgekehrt, zu verhindern, daß es wieder zwei Arbeiterparteien gebe. Man glaubte, Hitler wäre nicht so mächtig geworden, wenn die SPD nach dem Ersten Weltkrieg nicht in drei Parteien, die Ebert-Sozialdemokraten, die Unabhängigen und die Kommunisten, zerfallen wäre.

Zu den Teilnehmern der Sechziger-Konferenz gehörte auch Hermann Brill, der nach dem Einmarsch der Amerikaner als erster Häftling aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen und sofort zum ersten Ministerpräsidenten des Landes Thüringen ernannt worden war. Im Dezember 1945 war Thüringen schon sowjetisches Besatzungsgebiet und Brill wurde entlassen. Ich erkläre mir damit, daß dieser vorzügliche Redner, der das Buchenwald-Manifest verfaßte, nicht an der Diskussion der Konferenz teilnahm. Und noch ein Teilnehmer ist hier zu erwähnen: Fritz Neubecker, der Berliner, der das Bebel-Porträt, das jetzt im Amtszimmer des Bundeskanzlers hängt, vor der Besetzung des Vorwärts-Gebäudes durch die Nazi rettete und während des Dritten Reiches in Tempelhof in seiner Wohnung verwahrte. Er hatte einen erheblichen Anteil daran, daß die Urabstimmung der SPD-Mitglieder in Berlin am 31. März 1946 zustande kam, bei der von 32 547 Mitgliedern der SPD 23 755 abstimmten und zu 82 Prozent mit Nein und gegen die Vereinigung mit den Kommunisten stimmten. (In dem sowjetisch besetzten Teil Berlins war die Abstimmung verboten worden.)

Der hier über dieses Buch berichtet, ist seit 1910 aktives Mitglied der SPD. Er ist in der Erbfolge Sozialdemokrat – schon sein Vater saß unter Bismarck deshalb im Gefängnis. Er möchte die Lektüre dieses Buches besonders denen empfehlen, die sich für die Geschichte der SPD interessieren – sie wird leider von den Sozialdemokraten wenig gepflegt.

Ernst Thape, Jahrgang 1892, wurde 1945 Minister in der Regierung des Landes Sachsen-Anhalt und mußte 1948 in den Westen fliehen