Gewiß: Während der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte hatten die Sowjets keine andere Wahl, als zunächst ihre Mittelstreckenbomber, dann ihre Raketen gegen Westeuropa zu richten. Die Vereinigten Staaten gerieten erst Mitte der sechziger Jahre in die Reichweite der sowjetischen Kernwaffen; so lange mußte Westeuropa – gleichsam als Ballast im „Gleichgewicht der Ungleichgewichte“ – als „Geisel“ gegenüber dem technisch überlegenen Amerika herhalten. Inzwischen ist die interkontinentale Lücke längst geschlossen, Moskaus Euro-Raketen aber sind geblieben. Mehr noch: Auf dem Sockel ihrer „gewachsenen“ Überlegenheit (die der Westen sogar stillschweigend hinnahm) hat die Sowjetunion mit ihrem SS-20-Programm ab 1977 noch einmal kräftig aufgestockt. Der Schluß drängt sich auf, daß Europa unter allen Umständen Geisel bleiben soll: im Schlagschatten einer respektheischenden eurostrategischen Übermacht, die stetes, berechenbares Wohlverhalten anmahnt.

Deshalb ist es unvorstellbar, daß der Westen durch schieren Verzicht auf nicht-existierende Waffen wie Pershing II und cruise missiles die Sowjetunion dazu bewegen könnte, ihrerseits rund 180 SS-20 (mit 540 Sprengköpfen) und rund 100 Backfire-Mittelstreckenbomber (mit 400 Kernwaffen) zu verschrotten. Dies entspräche dem Versuch – so der französische Strategie-Experte Pierre Lellouche –, „jemanden, der zwei Pistolen besitzt, dazu zu überreden, eine wegzuwerfen, indem. man ihm androht, man werde sich in drei Jahren selbst einen Revolver verschaffen.“

Wenn Ungleichheit in Gleichheit verwandelt werden soll, muß der Stärkere Verzicht leisten. Derlei Großmut ist, historisch betrachtet, kein hervorstechendes Merkmal des Überlegenen. Die Erfahrung lehrt: Abrüstungsverträge ratifizieren ein Gleichgewicht, sie können es nicht schaffen.

Beispiel Salt: Eine bereits bestehende „Parität“ zwischen den Supermächten erlaubte ihnen 1972, den ersten Salt-Vertrag abzuschließen. Umgekehrt hat das weitverbreitete Gefühl der kodifizierten Unterlegenheit auf amerikanischer Seite bislang verhindert, daß der Senat den zweiten Salt-Vertrag (1979) absegnete. Beispiel MBFR: Bei den Wiener Truppenabbau-Verhandlungen streiten sich Ost und West um 150 000 Soldaten, die dem Warschauer Pakt nach westlicher Ansicht ein Übergewicht in Europa-Mitte verschaffen – kein Wunder, daß nach gut acht Jahren noch kein Abkommen in Sicht ist.

Bei den TNF-Verhandlungen ginge es nicht um 150 000 schlichte Soldaten, sondern um ein Potential hochkomplizierter und schwer vergleichbarer Mittelstreckenwaffen, das obendrein noch untrennbar mit den taktischen und strategischen Arsenalen der beiden Supermächte, aber auch denen Frankreichs und Englands verwachsen ist. Gesprächspartner wären nicht nur Russen und Amerikaner (und die brauchten immerhin fast sieben Jahre für Salt II), sondern – direkt oder indirekt – Engländer, Franzosen, Deutsche, Italiener, Belgier, Holländer – ein arithmetischer Alptraum. Selbst nach sieben Jahren wäre ein TNF-Abkommen ein Mirakel der Verhandlungskunst ohne historisches Vorbild. Inzwischen aber bliebe das Problem bestehen: ein klares Übergewicht zugunsten der Sowjetunion. Es sei denn, die Nato unterliefe die Verhandlungen, indem sie plangemäß ab Ende 1983 mit der Nachrüstung beginnt. Dies wäre keine leichte Entscheidung.

Selbst wenn das Wunder geschähe, selbst wenn die Sowjetunion den „phantastischen Vorsprung, den sie sich herausgerüstet hat“, verringern wollte und die alten Raketen ganz verschrottete, bliebe das Sicherheitsproblem des Westens akut.

Die SS-20 (Erhard Eppler: „Keine neue Bedrohung“) ist sechsmal treffsicherer als die SS-4 (Baujahr 1959) und dreimal treffsicherer als die SS-5 (Baujahr 1961). Sie trägt drei unabhängig voneinander gesteuerte Sprengköpfe über 4500 Kilometer ins Ziel. Jeder einzelne bringt die Zerstörungskraft von acht Hiroshima-Bomben. Anders als das Gros der älteren Raketen sind die SS-20 auf Selbstfahrlafetten montiert, daher mobil und praktisch unverwundbar. Zur Zeit sind rund 180 SS-20 gegen Europa gerichtet. Die amerikanische Aufklärung geht davon aus, daß 324 geplant sind und so plaziert werden, daß sie in der Mehrzahl sowohl gegen Europa als auch gegen China abgefeuert werden können.