Stuttgart

Die Szene war symptomatisch für den Hamburger Kirchentag: Auf der Moorweide, zwischen zwei großen Verkehrsadern der Hansestadt, hockten 60 000 meist Jugendliche bei der Bibelarbeit. Am Mikrophon war Jörg Zink, ehemals Pfarrer im Dienst der evangelischen Landeskirche von Württemberg. Der Mann mit den schneeweißen Haaren, den fast zwei Generationen von seinen Zuhörern trennen, spricht über Lukas 2, Vers 1 bis 14: „Fürchtet Euch nicht. Siehe, ich verkündige Euch große Freude. Denn Euch ist heute der Retter geboren.“

In Zinks Interpretation wird der alte Text zum Politikum. Er spricht vom Frieden, der nicht von Waffen, sondern von der Einsicht und dem Vertrauen der Menschen gesichert wird. Er redet von einer tiefgehenden politischen Krise im Römischen Reich, die den Evangelisten beim Schreiben begleitet habe, und vom „brüchig gewordenen Frieden“ der Zeit, als die „neue, eigensinnige Religion“ begann. Er tut das, was er Politikern wie Helmut Schmidt und Hans Apel, erst recht Helmut Kohl, keineswegs mehr zutraut: mit der Jugend reden. Niemand, so heißt es, habe in Hamburg soviel Zulauf bekommen wie Zink.

Das ist kein Zufall. Denn Zink ist gewiß eine der ungewöhnlichsten und zugleich populärsten Figuren der württembergischen evangelischen Landeskirche. 50 Bücher mit einer Auflage von sechs Millionen hat er veröffentlicht, mehr als 40 Fernsehfilme produziert. Zink gehört zu den beliebtesten Rednern des „Worts zum Sonntag“ im Deutschen Fernsehen,

Vor einigen Monaten hat der knapp 58jährige den Dienst als Pfarrer quittiert und nennt sich jetzt freier Publizist. „Ich habe meiner Kirche gesagt, ihr braucht mir kein Gehalt mehr zu bezahlen, und ich muß bei euch nicht mehr an Sitzungen teilnehmen.“ So seien sie voneinander geschieden, erzählt er, ohne jeden Groll und Argwohn. Zumal er weiter das tun und sein will, als was er sich ausschließlich fühlt: Pfarrer.

Ins Rampenlicht geriet Zink 1961, als sich die Evangelische Kirche entschloß, das neue Medium Fernsehen als Kanzel mitzubenutzen. Zink wurde zum „Beauftragten für Fernsehfragen“ ernannt und hat sich dieser Aufgabe mit Leib und Seele verschrieben. Im – Stuttgarter Medienzentrum der Kirche entstand ein Studio, um das die Kollegen vom Süddeutschen Rundfunk die Geistlichen beneideten. Er drehte die ersten kirchlichen Fernsehfilme, schrieb Bücher, übersetzte das Alte und Neue Testament und ist auch heute noch davon überzeugt, daß moderne Medien im Dienst der Seelsorge und an den Schulen in ihrem Wert nicht voll erkannt werden. Zur Zeit arbeitet er an einem Bildwerk zur Bibel für Schulen und an, sage und schreibe, 24 Text- und 24 Diabänden über „Christliche Kunst“.

Zinks Erfolg ist zweifellos auf die Faszination seiner Sprache zurückzuführen, die unter seinesgleichen umstritten ist. Allein die hohen Auflagen machten ihn verdächtig. Während ein Stuttgarter Prälat von ihm sagte, er habe den „Weg aus der kirchlichen Sprachlosigkeit“ gewiesen, meinte das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt, in Zinks Sprache gehe es zu wie „beim autogenen Training“; sie „narkotisiert“, „macht besoffen“, meinen andere. Auch Zinks Verwendung des Bildes zur Illustration seiner Bücher machte ihn bei der bilderfeindlichen Landeskirche verdächtig.