Von jürg Altwegg

Frankreich ist wohl das, einzige – glückliche – Land, dessen militärische, politische und ideologische Geschichte sich früher als vom Mittelalter an und aus der Sicht aller Beteiligten in Chansons schreiben ließe, der wohl meistverbreiteten Literatur seines Volkes. Die größten Probleme würde dabei zweifellos, die gegenwärtige Periode stellen – aus allein soziologischen Gründen: Noch nie waren Stellung und Funktion des politischen, vor allem des "revolutionären" Chansons auch nur annähernd so zwiespältig wie im Zeitalter seiner massenhaften Verbreitung als Konsumartikel. Keiner – außer vielleicht Léo, Ferré – illustriert dieses zeitgenössische, Kapitel des besten französischen, und engagierten Chansons besser als Jean Ferrat, der schüchterne Poet und Prophet des guten,, des linken Frankreich.

In allen seinen Wesenszügen und Attributen ist Ferrat der Ausdruck einer Zivilisation, in der sich – ausnahmsweise – künstlerische Qualität nicht nur mit echter Popularität, sondern sogar mit radikaler marxistischer Parteinahme verträgt – und die sich in seinem persönlichen Fall sogar gegenseitig bedingen. Während Leo Ferré in der anarchistischen Auflehnung – "ni Dieu, ni Maitre" – eine Identität und ein Publikum fand, ist; und bleibt Jean Ferrat der Weggenosse der Kommunistischen Partei Frankreichs, deren ideologische Orthodoxie zu seiner individuellen Ästhetik ist einer vielseitigen, zum Teil wechselseitigen Beziehung steht. Der nationale Erfolg dieser gewachsenen Bindung wird dadurch bestätigt, daß Ferrat von jener neuen Platte weit mehr Exemplare verkauft als die KPF, Frankreichs größte Partei. Mitglieder zählt.

Begonnen hatte alles ganz anders. Der am 26. Dezember 1930 in Vaucresson bei Paris als Jean Tenenbaum Geborene besuchte die Schulen in Versailles, unter royalistischen Reminiszenzen. Aus finanziellen Gründen mußte er sein Studium abbrechen. Fortan verdiente er seinen Lebensunterhalt als Chemielaborant. In seiner Freizeit versuchte sich Ferrat auf der Gitarre, Prévert interpretierend und Montand imitierend – von daher rührt Wohl sein sicherer populistischer Instinkt. Er komponierte auch schon eigene Melodien. 1954 hielt er es, ermuntert durch erste Erfolge, nicht mehr länger bei seinen Reagenzgläsern und Bunsenbrennern aus. In den Cabarets, die damals noch über die Laufbahn eines Sängers entschieden, hatte er es besonders schwer, weil er alles andere als ein begnadeter mitreißender Bühnenstar ist. Noch heute weiß er nicht, "Was ich mit den Händen tun soll".

ZwischenLiteratur und Schnulzen-Schmalz Sucht? Jean Ferrat nach einem eigenen Stil. 1956 vertonte er Aragons Gedicht "Les Yeux d’Elsa"; 1962 bekam er für ein Lied, das er nach "Federico Garcia Lorca" benannte, den "Henri-Crolla-Preis". Die linke und poetische Rhetorik kündigte sich in Ansätzen längst an, doch seine ersten Triumphe feierte Ferrat als "Chanteur de charme", zu dem ihn seine Stimme viel eher prädestiniert als zum zornigen politischen Bärden. 1961 trat er sechs Monate lang im Vorprogramm von Zizi Jeanmaire auf, im Jahr danach folgte eine nicht weniger erfolgreiche Frankreich-Tournee. Die Karriere hatte begonnen, unaufhaltbar.

Die Langspielplatte, die Ferrat 1963 veröffentlichte, ließ umgebend seine künstlerische Spannweite erahnen "Ma môme" – "meine Göre spielt nicht Starlett, sie arbeitet in der Fabrik, in Créteil" – gibt den soziologischen Ton des politischen Sängers an, der Ferrat mit "Nuit et brouillard" nicht widerwillig, aber kaum sehr bewußt wird. Das Titelchanson aus Alain Resnais’ Film "Nacht und Nebel" – auf, einer Langspielplatte, die auch eine hymnische Hommage an Georges Brassens enthält – besingt die Deportation französischer Juden ("Sie hießen Jean-Pierre, Natascha oder Samuel, manche beteten Jesus, Jehova oder Vichnou an") in deutsche Konzentrationslager:

"Man sagt mir, daß diese Worte jetzt nicht