Multis und Molekularbiologen schaffen einen neuen wissenschaftlichindustriellen Komplex

Von Günter Haaf

"Wissen Sie, DNA ist wie das Gold des Midas. Jeder, der es berührt, wird verrückt".

Maurice Wilkins, britischer Biophysiker und Medizin-Nobelpreisträger von 1982

Als Maurice Wilkins die Erbsubstanz "Desoxyribonukleinsäure" (DNA) mit dem Gold des Midas verglich, da dachte er nicht an Gold und Geld und auch nicht an verrückte Aktienkäufer in der Wall Street. Wilkins hatte anderes im Sinn: Jenen wissenschaftlichen Ruhm, der – mitunter gemessen an der Zahl der Fußnoten in der Fachliteratur – unbekannte Forscher aus beengten Labors hinaufkatapultiert in die Walhalla der Wissenschaft, ins königliche Schloß von Stockholm zur Nobelpreisverleihung. So war es ihm und seinen Mit-Laureaten James Watson und Francis Crick im Jahre 1962 ergangen, so erging es seitdem etwa einem Dutzend Wissenschaftlern, die für ihren Griff nach der DNA mit dem begehrtesten aller Gelehrtenpreise ausgezeichnet wurden.

Inzwischen ist Wilkins’ Wort freilich nicht nur im übertragenen Sinne wahr geworden. Mit der DNA, diesem molekularen Meister allen Lebens, läßt sich heute nicht nur Ruhm, sondern auch Geld verdienen, viel Geld mitunter: Für das amerikanische Wissenschaftsmagazin Science News war dies kürzlich ein Anlaß, auf dem Titelbild die nach Art einer Wendeltreppe verdrehte DNA-Struktur ("Doppel-Helix") zeitgenössisch zu karikieren – mit Dollar- und Cent-Zeichen an Stelle der sogenannten Basenpaare, den "Treppenstufen" der Doppel-Helix.

Die Blitzhochzeit zwischen Molekularbiologie und Industrie sorgt seit Ende der siebziger Jahre unter dem Stichwort "Gentechnologie" oder – im erweiterten Sinn – "Biotechnologie" für Schlagzeilen. Anders als die auf Physik und Chemie beruhenden Industrietechniken "benützt die Biotechnologie vor allem Bestandteile der Biomasse als Rohstoffe", wie der Basler Professor Jakob Nüesch in einer eben erschienenen Broschüre "Gentechnik – allgemein verständlich dargegestellt" definiert – eine Publikation, die vom Zürcher Bankhaus J. Vontobel für "unsere Kunden" in Auftrag gegeben worden war. "Die Biotechnologie ist eine anwendungsorientierte Wissenschaft", schreibt Nüesch, "die den Einsatz biologischer Prozesse im Rahmen technischer Verfahren und industrieller Produktion behandelt".