Erinnerung an eine (fast) vergessene Zeitung

Von Dietmar Bittrich

Ferienzeit: Auch unsere Zeitschriften-Kolumne macht eine sommerliche Pause. Willkommen ist uns da die Erinnerung an eine wunderliche „periodische Schrift“, die vor zweihundert Jahren in der Sommerfrische der Weimarer Hofgesellschaft, in Tiefurt, gegründet wurde, um „alles was Politick, Witz, Talente und Verstand, in unsern dermalen so merkwürdigen Zeiten, hervorbringen, den Augen eines sich selbst gewählten Publikums vorzulegen“.

Ein ganz Packet Journale kündigt Anna Amalia, Fürstin von Weimar und Eisenach, Ende November 1781 der Frau Rat Goethe an und erklärt: „Es ist ein kleiner Scherz, den ich mir diesen Sommer gemacht habe, der so gut reüssiret hat, daß es noch bis jetzt continuiret wird; vielleicht wird es Ihnen auch einige gute Stunden machen.“

Anfang Dezember 1783 – der Scherz wird immer noch continuiret – schickt Goethe selber ein ähnliches Paket an seine Mutter, mit ganz ähnlichem Kommentar: „Es ward als ein Wochenblatt zum Scherze angefangen, als die Herzogin Mutter vorm Jahre“ – hier irrt er in der Zeit – „in Tiefurt wohnte, und wird seit der Zeit fortgesetzt. Es sind recht artige Sachen drinnen und wohl wert, daß Sie es durchblättern Dann folgt die lakonische Anweisung: „Wenn Sie es genug haben, schicken Sie es nach Zürich an Frau Schultheß.“

Es war ein auserwählter Abonnentenkreis, zu dem Frau Rat und Goethes Zürcher Freundin sich da zählen durften; die Auflage des „Wochenblattes“ (in den drei Jahren seiner Existenz erschienen 47 Nummern) war limitiert, und daß einer es dem anderen weitergab, gehörte zu den notwendigen Vertriebsprinzipien. Ganze elf Exemplare nämlich, so errechnete ein Germanist des 19. Jahrhunderts, erschienen jedesmal, von Weimarer Primanerhand fleißig kopiert. Genau nachprüfen läßt sich diese Zahl nicht – Ausgaben der Anna Amalia für die Herstellung der Kopien liegen der Berechnung zugrunde –, denn nur fünf handschriftliche Exemplare sind überliefert, keines von ihnen vollständig. Doch wesentlich höher wird die Auflage nicht – gewesen sein, und daß das Journal von Tiefurt – so der Name des Blattes – dennoch Bedeutung bekam, liegt an den Damen und Herren, die es abonnierten – das waren in erster Linie nämlich die Autoren selber. Es liegt aber vor allem an der Herausgeberin, der Herzoginmutter, die in dieser Zeit den Mittelpunkt des Weimarer gesellschaftlichen Lebens bildete und jene Damen und Herren um sich versammelte.

Zwei Jahre nach ihrer Heirat, im Alter von 18 Jahren, hatte Anna Amalia beim Tod ihres Mannes, des Herzogs Ernst August Constantin, die Regentschaft übernommen; 16 Jahre lang – bis zur Volljährigkeit ihres ersten Sohnes – führte sie die Regierung der beiden Fürstentümer Weimar und Eisenach. 1772 berief sie Christoph Martin Wieland als Erzieher Carl Augusts an den Hof, 1774 als Erzieher Konstantins, ihres zweiten Sohnes, den dichterisch begabten Offizier Karl Ludwig von Knebel, der als Reisebegleiter der beiden Prinzen im Dezember desselben Jahres die Bekanntschaft Carl Augusts mit Goethe vermittelte. Im September 1775 tritt Carl August die Regierung an, im November trifft Goethe ein; vier Monate später kommt – auf Vorschlag Goethes – Herder als Generalsuperintendent nach Weimar. Damit sind die widrigsten (nicht allerdings die fleißigsten) Autoren des Tiefurter Journals bereits beisammen; die übrigen gehörten ohnehin zur Hofgesellschaft.