Von Karl-Heinz Janßen

Manchem älteren Bürger Hamburgs bricht der Anblick fast das Herz. Doch was den einen als "Schandfleck" gilt, finden andere, jüngere, eher lustig: moderne demonstrative Pop-Art. Rote, blaue, gelbe und weiße Farbkleckse decken die Figuren der Soldaten, die seit 1936 im steinernen Fries das Kriegerdenkmal am Dammtor umzingeln. Ja, das graue Monument wird in dieser bunten Gewandung überhaupt erst von den Passanten entdeckt, die früher achtlos vorüberhasteten. Bei einigen der 88 Soldaten ist der Rücken schwarz eingehüllt, als seien sie gerade dem Fegefeuer entronnen. Andere haben kein Gesicht mehr – es ist nicht genau auszumachen, ob sie durch Hammerschläge oder durch giftige Industrieabgase verunstaltet wurden.

Seit dem Evangelischen Kirchentag im Juni, genauer: seit jener Friedensdemonstration der 70 000 Raketengegner präsentiert sich der Muschelkalk-Quader in solch desolater Verfassung. Die Täter ("Bildhauer" nannte sie die Tageszeitung) haben ihre Handschrift hinterlassen: Auf der Fußgängerseite, wo seit der Nazizeit der provozierende Spruch prangt: "Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen" (übrigens in fehlerhafter Fraktur), liest man jetzt auch revolutionäre Parolen: "Krieg dem imperialistischen Krieg" und "Friede den Hütten, Krieg den Palästen". Die Stadtverwaltung hatte bislang kein Geld, die Farben wieder zu entfernen. "Wir müssen ja mehr als hundert Objekte betreuen", sagt entschuldigend Baudezernent Eberhard Brenske vom Bezirksamt Hamburg-Mitte, "und die Zahl der Verschmutzungen steigt." Allein dieses umstrittene Denkmal mußte schon mehrmals gereinigt werden – noch im Frühjahr wurden 4000 Mark dafür ausgegeben. In dieser Woche soll eine Firma anfangen, mit einem chemischen Lösungsmittel den Lack abzuwaschen.

Aber vielleicht überlegt es sich die Verwaltung noch anders, denn für den Antikriegstag am 1. September sind in der Hansestadt mehrere große Kundgebungen und Demonstrationen vorgesehen. Aller Erfahrung nach ziehen am Rande immer ein paar Gruppen mit, die ihre Wut gegen die Nachrüster an den Bauwerken auslassen.

Der seit einigen Jahren anhaltende Streit um das Hamburger Kriegerdenkmal ist beispielhaft für die Identitätskrise der bundesrepublikanischen Gesellschaft und der (nicht erst seit 1945) gespaltenen Nation. Die versäumte Abrechnung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, der fahrlässige Umgang mit der Tradition, die Schwierigkeit, nach zwei verlorenen Weltkriegen Wehrwillen zu wecken und soldatische Tugenden hochzuhalten, die lauwarme Haltung der Sozialdemokratie, wenn sie sich zwischen Prinzip und Wählergunst entscheiden muß, das Unvermögen, die Trauer um Millionen Kriegstote in Stein zu hauen – all dies läßt sich an der Denkmalsaffäre festmachen.

Immer bezeugen Denkmäler den jeweiligen Zeitgeist – in ihnen schafft sich eine herrschende Schicht, oft eine ganze Nation Symbole der eigenen Macht und Herrlichkeit. Kriegerdenkmäler kamen in Mode im neunzehnten Jahrhundert, in der Hochblüte des Nationalismus. In ihnen sollte sich die Nation, gleich ob sie gesiegt oder verloren hatte, wiedererkennen; sie sollten dem sinnlosen Tod auf dem Schlachtfeld nachträglich (oder im Vorgriff) einen höheren Sinn geben, ihn zur sittlichen Tat überhöhen, Trauer und Schmerz der Angehörigen überdecken. Seither – bis tief in dieses Jahrhundert hinein – schmücken sich Städte und Dörfer mit Monumenten des nationalen Pathos – nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich und erst recht in der Sowjetunion. Die Pietät gebietet es, solche Denkmäler als das zu nehmen, was sie sind: Zeugnisse einer historischen Tradition und einer Kunstepoche (zuweilen auch einer Geschmacksverirrung), denen die Nachwelt nicht entrinnen kann. Eine andere Frage ist es, ob sich die Nachfahren derlei Traditionen noch verpflichtet fühlen müssen.

Nun ist das Hamburger Kriegerdenkmal, recht besehen, ein Kriegsdenkmal, erbaut zur Erbauung, nicht zur Trauer. Schon die Inschriften lassen keinen Zweifel, wozu das Ganze dienen soll: "Dem Infanterie-Regiment Hamburg 2. Hanseat(isches) Nr. 76 und seinem Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 76", und, in einiger Entfernung, auf der von einer Linde überdeckten Ehrentafel: "Großtaten der Vergangenheit sind Brückenpfeiler der Zukunft", darunter werden alle Schlachtfelder in Frankreich (und Belgien) aufgezählt, auf denen die Hamburger Regimenter anno 1870/71 oder 1914/18 geblutet haben. Aufgestellt wurde das Denkmal nicht auf Wunsch der Hansestadt, sondern der Traditionsvereine des 76er Regiments. Freilich hat das "vaterländische" Bürgertum (und "vaterländisch" hieß in aller Regel: antidemokratisch und antisozialistisch) dieses Vorhaben wärmstens gefördert. Der nationalsozialistische Senat schusterte 20 000 Reichsmark zu, damit rund um das Denkmal Platz für Aufmärsche geschaffen wurde.