Es ist nachgerade ein Witz, wenn heutzutage die Stadt für ein Denkmal aufkommen und es durch Polizei schützen lassen muß, das ihr die Nazis hinterlassen haben und das die Stadt Hamburg eigentlich nichts angeht. Die offiziellen Kriegerdenkmäler, an denen Senat, Bürgerschaft und ausländische Gäste die Toten ehren, stehen an der Kleinen Alster in der Nähe des Rathauses (für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges) und auf dem Ohlsdorfer Friedhof (für die Opfer des Zweiten Weltkrieges und der Nazi-Herrschaft).

Bereits das Denkmal an der Schleusenbrücke beim Rathausmarkt – eine schlichte Stele, geschmückt mit einem Relief von Ernst Barlach – war politisch umstritten. Als es 1931 enthüllt wurde, lautete die Inschrift "Vierzigtausend Söhne der Stadt ließen ihr Leben für Euch". Die verbrämenden beiden letzten Worte hätten die Sozialdemokraten, die damals zusammen mit den Bürgerlichen regierten, lieber weggelassen, aber unter dem Ansturm der Nationalsozialisten war der Anpassungsdruck von rechts so groß, daß die pazifistisch gesinnten Senatsmitglieder nachgaben.

Barlachs Relief – eine Mutter, die ihr Kind tröstet – war nicht nach dem Geschmack der Nationalisten, die nun erst recht ein "richtiges" Kriegerdenkmal forderten. Ein Jahr später, 1932, gab der Senat endlich dem Drängen der Kriegervereine nach und räumte ihnen in den Wallanlagen einen Platz ein. Allerdings behielt er sich das letzte Wort bei der Gestaltung vor.

Nach 1933 gab es dann keine Hemmungen mehr. Jetzt wurde das Denkmal unmittelbar neben einer der verkehrsreichsten Straßen der Stadt aufgestellt, weil sich Kriegervereine, Militärs und Nazis dort die größte Propagandawirkung erhofften – Stille und Einkehr waren nicht gefragt. Den künstlerischen Auftrag erhielt der Bildhauer Richard Kuöhl, ein Schüler des berühmten Hamburger Baudirektors Fritz Schumacher. Er hatte in der Weimarer Zeit schon viele Kriegerdenkmäler gebaut – das 76er-Denkmal wurde im Dritten Reich als sein Meisterstück gefeiert. Es hätte schlimmer ausfallen können – verglichen mit den kraftstrotzenden Helden eines Arno Breker wirken Kuöhls graue Soldaten eher bieder. Aber seine Darstellung verkörpert, was Zeitgeist und Auftraggeber von ihm erwarteten: eine Ideologie, für die der einzelne nichts, das Volk, die Gemeinschaft alles ist: Soldaten in Viererreihen, einer dem anderen gleich, ziehen "feldmarschmäßig" ausgerüstet in den Krieg.

Jene, die noch heute das Denkmal mit Zähnen und Klauen verteidigen, führen den "Arbeiterdichter" Heinrich Lersch ins Feld. Von ihm stammt die ärgerliche Inschrift, entnommen einem kitschigen Gedicht aus dem August 1914 ("Soldatenabschied"), worin er einen Soldaten zur Mutter sagen läßt: "Deinen letzten Gruß will ich vom Mund dir küssen ;/Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!" Tatsächlich war Lersch Kesselschmied gewesen, aber keineswegs, wie man annehmen könnte, ein Sozialdemokrat reinsten Wassers – den Bürgerlichen bis hin zum Reichskanzler von Bethmann Hollweg kam dieser proletarische Barde der patriotischen Aufbruchstimmung gerade recht.

Aus einer ausgezeichneten wissenschaftlichen Dokumentation, die von einer Autorengruppe am Kunsthistorischen Seminar der Universität Hamburg*) herausgegeben wurde, erfährt man jedoch, daß dieser sterbefreudige "Arbeiterdichter" nach dem Krieg ganz andere Töne angeschlagen hat: "So wurde ich wider Willen der Dichter derer, die das Volk für sich sterben ließen, deren Dividenden stiegen, wenn die Soldaten fielen." 1933 dichtete er dann wieder auf der richtigen Seite – nun über die "Soldaten der braunen Armee".

Wäre es nach 1945 mit rechten Dingen zugegangen, hätten die Engländer nicht nur die Werft von Blohm und Voß, sondern auch das Kriegerdenkmal gesprengt, das ja seinen wehrpropagandistischen Zweck erfüllt hatte. Auf Befehl des Alliierten Kontrollrats sollten alle militärischen und nationalsozialistischen Denkmäler liquidiert werden. Ein Denkmalspfleger überzeugte die Besetzer (wider den Augenschein), das 76er-Mal sei lediglich zum Totengedenken errichtet worden. Bald folgte die Remilitarisierung Deutschlands, und künftig versammelten sich an den Volkstrauertagen hier abermals die Traditionsvereine, vermehrt um die Veteranen des Zweiten Weltkrieges (bis. hin zur Waffen-SS), zuletzt auch die Neonazis.