HEINRICH BÖLL

Oder: Irgendwas mit Büchern

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Am 30. Januar 1933 war ich fünfzehn Jahre und sechs Wochen alt; und fast genau vier Jahre später, am 6. Februar 1937, neunzehn Jahre und sieben Wochen alt, bekam ich das „Zeugnis der Reife“ ausgestellt. Das Zeugnis enthält zwei Fehler: Mein Geburtsdatum ist falsch angegeben, und meinen Berufswunsch „Buchhändler“ hat der Direktor ohne mich zu fragen in „Verlagsbuchhändler“ abgewandelt, ich weiß nicht warum. Diese beiden Fehler, die ich preise, geben mir die Chance, auch alle anderen Daten, einschließlich der Noten, anzuzweifeln. Ich habe die beiden Fehler erst zwei Jahre später entdeckt, als ich das Zeugnis zum ersten Mal in die Hand nahm, um es zum Studienbeginn Sommer-Semester 1939 bei der Universität Köln einzureichen, und das fehlerhafte Geburtsdatum entdeckte; ich wäre nie auf die Idee gekommen, einen solchen Fehler in einem so gewichtigen amtlichen Dokument korrigieren zu lassen: dieser Fehler erlaubt mir einen gewissen Zweifel, ob ich’s denn wirklich sei, der da für reif erklärt wird. Ob da ein anderer gemeint ist? Und wer? Dieses Spiel erlaubt mir auch die Vorstellung, das Dokument könnte möglicherweise gar nicht gültig sein.

Ein paar weitere Voraussetzungen muß ich notieren: Sollte es zu den Pflichtübungen deutscher Autoren gehören, „unter der Schule gelitten“ zu haben, so muß ich mich wieder einmal der Pflichtvergessenheit zeihen. Natürlich habe ich gelitten (Zwischenruf: Wer, ob alt oder jung, leidet nicht?), aber nicht unter der Schule. Ich behaupte: so weit habe ich es nicht kommen lassen, ich habe – wie später manches in meinem Leben – „die Sache in die Hand“, habe sie zu Bewußtsein genommen. Wie, das wird noch zu erklären sein. Leidvoll war der Übergang von der Volksschule zum Gymnasium, kurze Zeit, aber da war ich zehn, und es betrifft nicht die zu beschreibende Zeitspanne. Ich habe mich manchmal gelangweilt in der Schule, geärgert, hauptsächlich über den Religionslehrer (der sich natürlich über mich – solche Bemerkungen sind, weitere Voraussetzung – „bilateral“ zu verstehen). Aber gelitten? Nein. Weitere Voraussetzung: Meine unüberwindliche (und bis heute unüberwundene) Abneigung gegen die Nazis war kein Widerstand, sie widerstanden mir, waren mir widerwärtig auf allen Ebenen meiner Existenz: bewußt und instinktiv, ästhetisch und politisch, bis heute habe ich keine unterhaltende, erst recht keine ästhetische Dimension an den Nazis und ihrer Zeit entdecken können, und das macht mich grausen bei gewissen Film- und Theaterinszenierungen. In die HJ konnte ich einfach nicht gehen und ging nicht rein, und das war’s.

Noch eine Voraussetzung (und es wird noch eine kommen!): berechtigte Zweifel an meinem Gedächtnis; das alles ist jetzt achtundvierzig bis vierundvierzig Jahre her, und mir stehen keine Notizen, Aufzeichnungen zur Verfügung. Sie sind verbrannt und zerstoben in einer Mansarde des Hauses Karolingerring 17 in Köln; auch bin ich unsicher geworden, was die Synchronisierung persönlicher Erlebnisse mit geschichtlichen Ereignissen betrifft: so hätte ich zum Beispiel hoch gewettet, daß es im Herbst 1934 war, als Göring in seiner Eigenschaft als preußischer Ministerpräsident sieben junge Kölner Kommunisten mit dem Handbeil hinrichten ließ. Die Wette hätte ich verloren; es war schon im Herbst 1933, da dies geschah. Und mein Gedächtnis trügt mich nicht, wenn ich mich erinnere, daß eines Morgens ein Mitschüler, Mitglied der (noch schwarzuniformierten) SS, übermüdet und doch noch mit Jagdfieberglanz in den Augen erzählte, sie hatten in der Nacht in Godesberger Villen Jagd auf den ehemaligen Minister Treviranus gemacht. Gott sei Dank (wie nicht er, sondern ich dachte) vergebens, und wenn ich dann vorsichtshalber nachschaue und feststelle, daß Treviranus schon 1933 emigriert ist, wir aber 1933 erst sechzehn Jahre alt wurden, das Mindestalter für die Mitgliedschaft in dieser SS aber achtzehn Jahre war, so kann diese Erinnerung frühestens im Jahr 1935 ihren Platz haben – es müßte also Treviranus 1935 oder 1936 noch einmal illegal ins Deutsche Reich zurückgekommen sein, oder die SS war einer Fehlinformation erlegen. Für die „story“ – diese merkwürdige Mischung aus Übermüdung und Jagdglanz in den Augen – garantiere ich, ihren Platz finde ich nicht. Letzte Voraussetzung bzw. Warnung: der Titel WAS SOLL AUS DEM JUNGEN BLOSS WERDEN? sollte weder falsche Hoffnungen noch falsche Befürchtungen erwecken. Nicht jeder Knabe, dessen Verwandte und Freunde sich und ihm mit Recht diese ewigbange Frage stellen, wird nach einigen Aufhaltungen und Um- und Abwegen Schriftsteller, und ich möchte betonen, die Frage war, als sie gestellt wurde, so ernst wie berechtigt, und ich weiß nicht, ob meine Mutter, lebte sie noch, nicht auch heute noch die Frage stellen würde: WAS SOLL AUS DEM JUNGEN BLOSS WERDEN? Vielleicht sollte man die Frage sogar bei älteren und erfolgreichen Politikern, Kirchenfürsten, Schriftstellern etc. hin und wieder noch stellen.