in Paris Nathalie Sarraute

Ich dachte an Fellinis letzten Film, „Die Stadt der Frauen“, als ich lächelnd an der Wohnungstür Nathalie Sarrautes klingelte, der berühmten französischen Schriftstellerin russischer Provenienz (sie hieß ursprünglich Natalja Tschernjak), der Begründerin des „Nouveau roman“: Womöglich ist sie eine Feministin?

Nathalie Sarraute – Autorin von neun Romanen, sechs Stücken, einem Essay-Band, Großmutter von fünf Enkelkindern – empfing mich in einer Arbeitsjoppe, die mich irgendwie, an jene faltige, mit einem Gürtel gehaltene Hemdbluse erinnerte, die man (nach Tolstoj) „Tolstowka“ nennt. Als wir die ersten, belanglosen Worte wechselten, bemerkte ich überrascht, daß sie mit einer mir unverständlichen Begeisterung guckte, denn ich stelle bei mir schon längst keine Begeisterung mehr fest. Ich wurde verlegen.

„Sprechen Sie, sprechen Sie weiter“, sagte Nathalie Sarraute. „wovon Sie wollen. Wenn es nur auf russisch ist. Aber mein Russisch ist vermutlich etwas eingerostet. Ich war so lange nicht in Rußland. Eine Sprache entwickelt sich ja ständig, und diese Entwicklung kann man doch nur in dem Land wahrnehmen, in dem die Sprache gesprochen wird.“

Ein wenig traurig dachte ich darüber nach, daß die Entwicklung einer Sprache nicht immer positiv verläuft. Und meine alltägliche, ja sogar meine berufliche Sprache ist beträchtlich mit Ausdrücken des „Tagesjargons“ verschmutzt. Aber was soll man da schon machen, die Entwicklung einer jeden Sprache ist wie ein Gebirgsstrom, und ein Gebirgsstrom führt nicht nur reine Gebirgswässer mit sich, sondern auch allerhand verschiedenartigen Dreck und Teufelskram. Nathalie Sarraute klagte ungerechtfertigt, daß ihre Sprache Rost angesetzt habe. Sie spricht glänzend russisch.

Ich fing damit an, daß, ich Michel Tourniers These von der „Schuld Mallarmés“ erwähnte, er habe die französische Dichtkunst den Lesern entfremdet.

„Entspricht das auch Ihrer Auffassung?“