Ein Buch über Tiere für. Kinder: kommt da nicht wie von selbst etwas zusammen, das nicht nur Leselust weckt, sondern auch belehrt, Umwelt aufschließt und die ersten Ansätze zu eigener Erfahrung anregt! „Das Jahr des Bibers“ von dem Dänen Lars-Henrik Olsen berichtet knapp, fast chronikartig vom Jahreslauf dieser Wasser deren Lebensraum zwischen Land und Wasser liegt und die überall dort mit dem Menschen in Konflikt kommt, wo dieser den erhebt. spruch auf die Unterwerfung der Natur erhebt. Der Jahreslauf des Bibers steht denn auch unter dem Unstern dieser Auseinandersetzung und ist gekennzeichnet durch die Gefahren, die vom Menschen drohen. Das beginnt mit dem Jäger, der das Fell des Bibers verkaufen will, und das endet mit den Erbauern eines Staudamms, die, halb willentlich, halb unwissend, ein ganzes Bibertal vernichten. Die Auseinandersetzungen mit anderen Tieren nehmen sich dagegen fast normal aus.

Ein moralisches Buch? Ein Buch, das, voller Spannung für ein noch nicht von Lesestoff vollgepfropftes jugendliches Gemüt, zur Naturliebe und zum Umweltschutz erzieht? Ein pädagogisches Buch, das zum Nachdenken bringt, das gelten läßt, was an freier, menschenunberührter Natur noch übrig ist? Alles dies zusammen und noch etwas anderes. Tiergeschichten für Kinder gibt es, solange es Kinderbücher, zum Angucken wie zum Lesen, gibt. Kinder, sind Tieren näher als Erwachsene. Tiere lassen sich aber auch einfacher in ihren Motiven und Beweggründen schildern. Tiere lassen sich offenbar leichter auf Kinderpsychologie reduzieren. Reduzieren? Wird in einer Geschichte wie der vom Kampf der Biber ums Überleben etwas verkürzt, vereinfacht, versimpelt?

Eine der ersten Tiergeschichten, die ich selbstanding, ohne mütterliche Lesehilfe, bewältigt habe, war die vom Mordhirsch, wie sie in dem Band „Mümmelmann“ von Hermann Lons steht. Sie erfüllte mich mit düsterer Ahnung, aber ebenso mit genußvollem Schauder. Ich erinnere mich jedoch auch, mit welcher Ratlosigkeit ich vor dem Schlußsatz saß, der beginnt: „In einer schlechten Wirtschaft in der großen Stadt, wo bemalte Weiber an weißen Marmortischen auf Raub lauern, hängt an einem Pfeiler das hohe, weitausgelegte Geweih des Vierenders, des Meuchlers –“. Hatte Löns mit dieser Anspielung den Bereich und die Möglichkeiten der kindlichen Vorstellungskraft überschritten? Lernt aber das lesende Kind nicht auch an solchen Unbegreiflichkeiten, indem es unermüdlich versucht, sie in sein Weltbild einzubeziehen, dieses in deren Richtung zu erweitern?

Ein Autor, den mein Vater gern las, als wir Kinder waren und aus dessen Büchern er uns vorlas, war ein anderer Däne, Svend Fleuron. Ich habe zwei Bücher Fleurons wiedergelesen: „Strix, die Geschichte eines Uhus“ und „Schnock, das Leben eines Hechtes“. Im Wiederlesen nach fünfzig Jahren wurde viel von der eigentümlichen Farbigkeit des ersten Kindheitseindrucks wieder lebendig. Ich fühlte mich in eine Welt Zurückversetzt, in die ich mich, als Uhu oder als beutejagender Hecht, damals hineingeträumt hatte. Zugleich wurde mir jetzt aber auch etwas deutlich, das ich als Kind nicht gesehen hatte, ja nicht sehen konnte. Das ist die Tatsache, daß Fleuron in jedem seiner Tierbücher einen bestimmten Tierumweltsbereich Stück um Stück aufgebaut und daß er darin ein Gleichnis ablaufen läßt, das die Darwinsche Lehre von Werden und Vergehen, vom Überleben des Stärkeren illustriert.

Auch das etwas, das den kindlichen Lese-Horizont übersteigt? Waren die Tiergeschichten von Löns und Fleuron Erzählungen für Kinder und Erwachsene zugleich? Dem „Hasenroman“ von Francis Jammes vergleichbarer als dem „Peter Rabbit“ von Beatrix Potter? Und könnte man daraus folgern, Kindern wären dann die Abenteuer von Mickey Mouse oder Donald Duck gemäßer? Schmuggeln nicht gerade diese Geschichten auf ganz andere Weise Erwachsenen-Bewußtsein ins Kindergemüt ein? Geht es darum, wie unter dem Deckmantel der Zubereitung für kindlich einfache und einfältige Auffassungsweise die erwachsenen Autoren ihre, verführerische oder pädagogische, Botschaft unterschieben?

So bereitet ja auch Lars-Henrik Olsen in seiner Bibergeschichte den kindlichen Leser auf eine Auseinandersetzung vor, die allenthalben in Gang ist. Und wenn der Autor selber, als aktiver Verhaltensforscher, für die Erhaltung der unberührten Natur eintritt, so wirkt in ihm vielleicht auch der Kindertraum nach, den er selber aus der Lektüre von Kinderbüchern empfangen hat: der Traum von der Einheit der ganzen lebendigen Welt, in der nicht bloß gemordet und gefressen, sondern in der bewahrt und aufgebaut wird. Lesebücher für Kinder sind ein erster Schritt auf dem Weg des Lernbewußtseins, den jeder Mensch, der Sprache hat, auf seine Weise durchwandert. Daß es viele, vielleicht allzu viele gibt, die schon beim ersten Stolpern aufhören, weiterzulernen, ist kein Gegenbeweis.

Wenn das Lesen von Literatur auch so etwas ist wie ein vorwegnehmendes oder versuchsweises Tun und Verhalten, wenn darin Motive und Argumente angeschlagen werden, die es dann zu realisieren gilt, so ist es umso wichtiger, wo die ersten Schritte einsetzen. Und, das muß auch bedacht werden, Kinderlektüre mündet notwendig gerweise in Erwachsenenlektüre, sie sollte also auch darauf zuführen, damit der Bruch nicht zu hart wird.