Von Peter Wapnewski

Ein Film ist anzukündigen, der lehrig ist und schön zugleich, reich an Gedanken und Bildern, reich an Gefühl und Gefühle auslösenden Impulsen. Mit stehender, ja starrer Kamera läßt er das Leben an sich vorübergehen, nimmt es eben dadurch in sich auf. Kein Plot, keine Story. Sondern/die Poesie der baren Wirklichkeit, die ja auch keinen Plot hat und keine Story. „La Ferdinanda“ ist Schauplatz und Arena und insofern Hauptperson: Eine Mediceer Villa in der Toscana, nicht weit von Pisa; Kreuzpunkt ist sie von Menschenwegen und das heißt ja, wir alle wissen es, von Schicksalen. Die Menschen aber sind vorhanden nur als Partner der Dinge, der Geräte, der Gegenstände, sie spielen miteinander und zerbrechen aneinander, lautlos und ohne Pathos, aber leidend, was bleibt, ist die Versehrung, die Wunde, die Bruchstelle, die Insel von Blut auf dem weißen Gefieder des Pfaus. Der Arzt Dr. Marchetti hat auf das Tier geschossen, nicht von Sinnen, aber sinnlos: wird es durchkommen? Wird er durchkommen, dem schon mehr Schuld am Tod vorgeworfen wurde, als er tragen kann?

Eine große Bild-Geschichte, und einer der Schlüssel zu ihren verhangenen Wahrheiten ist jene Erzählung vom tödlichen Vogelflug: Da gibt es eine Sorte von Vögeln, deren intakter Instinkt, eben weil intakt, sie zuverlässig in den Tod treibt. Sie machen sich auf in dichten Schwärmen zur Reise übers Meer – und stürzen, ermüdet, eben dort ins Wasser, wo vor Millionen Jahren Erde war, wo einst der afrikanische Kontinent und der südamerikanische sich aneinanderschlossen. So aber will es, im Hintergrund steuernd und verwaltend, der große Mechanismus, der Leben dadurch reguliert, daß er Tod schafft: Diese Vögel nämlich, sie vermehren sich allzu reich. Nur die wenigsten von ihnen, die eben, die ganz und gar verlassen sind von ihrem Instinkt, fliegen weiter und landen. Landen heil und überleben.

Parabel des irregeführten, des verlorenen, des pervertierten Lebens. Das da scheitert, weil es den rechten Kurs einhält. Das abstürzt, weil es sich vertraut. Denn verloren ist, wer seinem Instinkt folgt, sich dem Rausch des Elementaren anheimgibt und der Sicherheit des Ursprungs inmitten der Steuermanöver und Machinationen einer verabsolutierten und totalitären Zerebral-Kultur.

II

Ein Film der präzisen Impressionen, der bildhaften Gesten, der nicht tiefsinnigen, aber sinnhaften Andeutungen, der vielsagenden Zitate, der auslösenden Erinnerungen. Ein Stück von verspielter Traurigkeit und anmutigem Charme, und mit einer Unmittelbarkeit berührend, wie nur derjenige sie herstellt, der Angst hat vor der Berührung. Ein Prospekt des déjà-vu, man hat dies alles – anders, und doch eben so – längst erlebt und wartet auf seine Wiederkehr.

Ein Spiel mit Kleidern und Stoffen, mit Roben und Spitzen und Schleppen und Behältnissen, mit Tieren und mechanischem Gerät, mit dem Flüssigen und dem Festen, mit erhabenen und lächerlichen Gegenständen, mit altem Gemäuer und neuen Kühlschränken und der archaisch sich stetig erneuernden Landschaft. Ein Spiel im Schloß mit Menschen ohne Schloß, die sich den Palazzo nämlich mieten, um sich das Hochzeitsmahl auszurichten. Ein Spiel der alten Besitzer, die ihre altadlige Lebensform sublimiert, nämlich in die flüchtige Materie der Kunstübung umgewandelt haben: in Gesang und Tanz und die Melancholie des ariosen Cellotons. Ein Spiel mit Schauspielern, die keine sind, sondern Laien: Was aber heißt das, ein Laie, der einen Laien spielt wie dich und mich? Da lösen sich die fixen Abgrenzungen auf. Ein Spiel aber auch mit professionellen Virtuosen der Schauspielkunst, in ihrer Mitte die vibrierende Hysterie der Valentina Cortese.