Frankfurt a. Main

Die Manager des Rhein-Main-Flughafens sind zur Offensive übergegangen: Nachdem Frankfurt mit über 600 000 Tonnen Luftfracht nach New York, Los Angeles und Chicago auf Platz 4 der Weltrangliste, zuerst durch heißumstrittene Ausbaupläne und dann durch den Kerosin-Skandal international ins Gerede gekommen ist, sind jetzt die PR-Kompanien mobilisiert worden. Auf Plakatwänden und mit Informationsschriften versuchen sie der Öffentlichkeit einzureden, daß eigentlich alles zum besten stehe. Eigens zur Sympathiewerbung wurde vom Design-Büro der Flughafen AG eine Symbolfigur erfunden, „Fluggi“ genannt, ein stilisiertes Flugzeug mit harmlosem Kindergesicht vor einem fröhlich-bunten Regenbogen. Heile Welt?

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Während nämlich die Rhein-Main-Bewohner in ihren Briefkästen die Mitteilung der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Flughafen AG vorfanden, daß „rund um den Flughafen“ eigentlich kein Anlaß zur Besorgnis gegeben sei, schockte die grüne Fraktion im Frankfurter Rathaus die Bürger mit dem-Resultat von Messungen, die besagen, daß das „Frankfurter Trinkwasser“ durch „Kerosin bedroht“ sei.

Die Vorgeschichte geht bis in den Dezember 1980 zurück. Damals wurde (durch Druckabfall) bemerkt, daß aus dem Leitungssystem, aus dem die Flugzeuge betankt werden, Kerosin (Flugbenzin) ins Erdreich eingesickert war. Das Leck war durch Korrosionsschaden entstanden. Besorgt wurde in den ersten Meldungen darauf hingewiesen, daß die Pannenstelle in einem Gebiet liege, das zum Einzugsbereich einer Trinkwasser-Aufbereitungsanlage gehört. Aber da nur ein Zwei-Millimeter-Loch in der Kerosin-Leitung geortet worden war, und niemand genaue Vorstellungen darüber hatte, um welche Mengen Treibstoff es hier überhaupt ging, wurden zunächst auch keine Zweifel laut, als amtlich versichert wurde, man habe keine Verunreinigung des Grundwassers feststellen können.

Ein halbes Jahr später, im Juli, bot sich jedoch bereits ein ganz anderes Bild. In einem Brief des hessischen Umweltministers Karl Schneider an den Ministerpräsidenten Holger Börner war von etwa drei Millionen Litern versickerten Kerosins als der „ungünstigsten Schadensannahme“ die Rede, wobei die Hochrechnungen der Umweltschützer bereits bei fünf Millionen Litern lagen. In diesen Tagen bestätigte die Wasserbehörde, daß mit 15 Abschöpfbrunnen bereits 1,2 Millionen Liter Kerosin abgepumpt worden seien. Also wehrte man optimistisch ab: Keine Gefahr, das System funktioniert!

Da die Flughafen AG fest in der Hand der Sozialdemokraten ist, konnte es nicht ausbleiben, daß die grünen Umweltschützer auch Bundesgenossen von rechts bekamen. Die Christdemokraten drängten auf eine „genaue und peinliche Befragung“ des SPD-Umweltministers vor dem zuständigen Landtagsausschuß und kündigten an, den Rücktritt des Ministers zu fordern, wenn sich Aufsichtsversäumnisse herausstellen sollten. Kritik kam allerdings auch aus dem eigenen Lager: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Norbert Wieczorek rügte, der Flughafen erweise sich immer deutlicher „als einer der größten Umweltbeiaster des Rhein-Main-Gebietes“.

Die Meßergebnisse, die von der grünen Römer-Fraktion jetzt präsentiert würden, scheinen geeignet zu sein, diese Behauptung zu bestätigen. In der Zeit vom 13. bis 21. August wurden von Umweltschützern in 14 Brunnen in Flughafennähe 19 Grundwasserproben entnommen und von Bremer Wissenschaftlern nach dem „deutschen Einheitsverfahren zur Wasser-, Abwasser- und Schlammuntersuchung“ analysiert. Das Ergebnis: In sämtlichen Proben wurde Kerosin gefunden. Dabei hatte der hessische Umweltminister einige Monate zuvor in einer Presseerklärung versichert, daß es durch Sofortmaßnahmen gelungen sei, Gewässerschäden zu vermeiden; auch der Wasserwirtschaftsverband beruhigte: Man habe das Problem fest im Griff.