Lehrer, die das Glück haben, eine Stelle zu bekommen, treten ihren neuen Beruf mit gemischten Gefühlen an

Im April dieses Jahres machte ich mein zweites Staatsexamen für das Lehramt. Damals wußte keiner der 60 Lehramtsanwärter in meinem Seminar, ob er überhaupt einen Job bekommen würde. In der Gerüchteküche kochte es, beim Regierungspräsidenten wurde man vertröstet. Heute im August sind die Würfel gefallen. Für einige gibt es Zwangspausen. In vielen Fällen waren die Fächer ausschlaggebend.

Ein schier unüberwindbarer (Lehramtsanwärter)berg stand also vor mir – auf der Rückseite wurde ich zwar mit dem zweiten Staatsexamen für das Lehramt für die Primarstufe belohnt. Doch erklomm ich diesen Berg mit Hilfe von Kompromissen. Einmal wurden bei der Examensarbeit einige Stellen so geschrieben, wie ich meinte, daß sie geschrieben werden müssen. Den Berg erklomm ich weiterhin mit Hilfe schauspielerischer Fähigkeiten, über 20mal bei den Lehrproben ein „Sich-zur-Schau-Stellen“, krampfhafte Demonstration des gewünschten Verhaltens.

Die daraus resultierende persönliche Entwicklung zeichnete sich dadurch aus, daß ich zunehmend Freude, Humor, spielerisches Erleben und Leichtigkeit verlor.

Benotung und die Frage, ob man jemals diesen Beruf ausüben kann, bauten sich als zusätzliche Hindernisse auf.

Jedoch, der Berg ist nun erklommen und ich freue mich auf den „Praxisschock“. Ich glaube, ich muß meinen Eltern danken, daß ich ein Kind dieser Zeit bin (und nicht ein oder zwei Jahre später auf diese Welt gekommen bin) und somit auch diesen Beruf ausüben darf, ihn ausüben darf trotz hoher Auslastungsquoten meiner beiden Fächer Sport und Sprache. Denn ein Einser-Kandidat bin ich nicht und diese bekamen unabhängig der Fächerkombination eine Stelle.

So beglückwünsche ich mich heute zu meiner 1975 gezeigten Neigung zum Fach Sport; ich werde ab September in den Fächern Mathematik, Sachunterricht und evangelische Religionslehre eingesetzt.

Ich darf mich also auf die Praxis freuen, doch was bleibt denjenigen, die ebenso den Berg heraufgeklettert sind und bei der Talfahrt letzten Endes in die Sackgasse Sparmaßnahmen gerieten? Wohin gelangt der herübergerettete Idealismus? Wohin gelangen die für die Schule brauchbaren Impulse? Um wie viele Meter wird der Berg für kommende Lehramtsanwärter aufgestockt? Und wie viele Hindernisse kommen dazu? Heidrun Rischke