Gibt es Wunder? Natürlich! Wenn sich ein unscheinbares Körnchen, das man in die Erde steckt, in eine formvollendete, duftende Rose verwandelt; wenn sich eine häßliche Larve zum farbenprächtigen Schmetterling entpuppt; wenn im Mutterleib ein Kind entsteht – dann sagen wir staunend: ein Wunder. Wenn durch einen viereckigen Kasten aus Holz, Glas, Draht und Keramik das Weltgeschehen in unser Wohnzimmer kommt; wenn flimmernde, tickende Kästchen in Sekunden Rechenaufgaben lösen, für die wir Jahre brauchten; wenn einer auf dem Mond spazierengeht, als ob nichts wäre – dann staunen wir und sprechen von einem Wunder.

Der Dozent – ellenlang, klapperdürr, bärtigwuschelig und bebrillt – will noch weitere Beispiele nennen, wird aber unterbrochen: "Das sind doch keine Wunder, das sind Produkte von Natur und Technik, zwar bewundernswert, aber restlos erklärbar."

Die Vorlesung wird zur Diskussion. Im Hörsaal vier streitende Gruppen: wortgläubige, fromme Pietisten, die aggressiv an der Faktizität der Wundererzählungen festhalten, Bermudadreieck-, Ufo-, PSI- und Okkultismusgläubige, die alles für möglich halten, mitleidig grinsende Rationalisten, die mit kühler Verachtung auf die anderen herabsehen, und einige wenige, die’s wirklich nicht wissen, nun aber endlich gern wüßten.

Es geht ihnen um die "eigentlichen", die biblischen Wunder. Wunder von ganz anderem Kaliber. Da läuft einer auf dem Wasser. Aus Wasser wird Wein. Fünf Brote bilden ein magenfüllendes Programm für 5000 Menschen. Ein Leichnam, der schon etwas muffelt, beginnt sein zweites Erdenleben. Eine zweite Leiche tut das gleiche und fährt auch noch gen Himmel.

Kann das wirklich geschehen sein? Wenn nicht, was dann? Wenn ja, warum passiert dann so etwas heute nicht mehr? Was ist dran am Brotwunder?

Der Dozent windet sich. "Natürlich hat Jesus nicht gezaubert", meint er. "Die Menschen damals haben eben eine Erfahrung mit Jesus gemacht, die sie so überwältigte, daß sie sie mit Worten nur sehr unvollkommen wiederzugeben wußten. Das bißchen Brot, das sie haben, das geben sie, und dabei erfahren sie, daß zu den Menschen mehr gelangt, als sie ihnen geben konnten, daß das Entscheidende durch sie hindurch geschah. Was dann körperliche, was geistliche Speise ist, das können sie nicht mehr trennen."

Hm. Hexerei war’s also nicht. Aber was dann? Nur die Unfähigkeit der Jünger, zwischen körperlicher und geistlicher Speise zu unterscheiden?