Wolfgang Boller versuchte sich als Freizeitflößer zwischen Wolfratshausen und Lenggries

AGaudi war’s, sozusagen. Ein Karlchen war dabei und ein Jupp, eine Mausi und eine Cornelia, verschiedene Weltkriegsveteranen (II.), Hausmütter, Lehramtsinhaber, Werkmeister – abgezählt 55 erfahrene Skatdrescher, Kegelschieber, Schluckspechte, Zeittotschläger und Maulhelden. Sie waren mit dem Verein da oder mit dem Betrieb, mit der Stammtischrunde oder mit der Familie, um Gemeinschaftskassen und Schmugelder zu versaufen. Sie waren, konnte man hören, aufs äußerste entschlossen, sich zu amüsieren („so richtig einen draufzumachen“), ehe die Benzinpreise und die Strafen für Schwarzarbeit gänzlich unbezahlbar würden und die Welt sowieso unterginge. Zu solchem Zweck bietet sich eine Floßfahrt, auf der Isar als idealer Rahmen an. Ein Floßfahrt, die ist lustig. Es muß nur schönes Wetter sein.

Die Sonne lachte vom weißblauen Himmel. Der strahlende Sommertag verschaffte dem Unternehmen schon bei der Busfahrt von München zur Floßlände bei Wolfratshausen eine Stimmungsunterlage wie Speck beim Wodkagelage. Karlchen und Jupp tauschten liebevoll Beleidigungen, die jüngeren Herrn hielten verstohlen eine erste, flüchtige Umschau unter den Töchtern, Mausi nahm zur allgemeinen Heiterkeit versehentlich auf einer offenen Männerhand Platz und die Mütter setzten jetzt schon die Miene auf, die sie eisern durchzuhalten gedachten: grundsätzlich gut, zu welchem Spiel auch immer. So begann’s.

Floß, Flößer und Musi waren schon da: ein Floß mit Aufbau und Holzbänken, schwimmend auf 15 prächtigen Baumstämmen, die sich vom vielen Wasser der heurigen Floßfahrersaison bis zum mittleren Tiefgang vollgesogen hatten, der Flößer Ferdinand mit seiner Mannschaft (2) und der Schlagzeuger Franz („Ich bin der süße Franz“) mit Stimmungskapelle (1) und Kapellmeister an der Zugharmonie. Die Floßfahrer lernen wider besseres Wissen, daß sie in der Minderzahl sind, der Kapellmeister sagt’s ihnen: „Also Leut’, damit’s es wißt... Drei Faß’l Bier hammer am Floß – eins für die Flößer, eins für die Musi und eins für euch.“ Da lachen die Floßfahrer beklommen, Weil sie nicht ermessen köndiesem oberbayerischen Gemütsmenschen alles zuzutrauen ist. Der Ferdinand hat eh einen Bauch, als wäre jetzt schon ein Faß’l drin. Und auch so einen Gesichtsausdruck.

Ab geht’s. Ein Floß nach dem anderen löst sich vom Ufer, dreht sich unter Steuerdruck einmal um sich selbst und treibt langsam die Isar hinunter. Die Kapellen spielen alle das nämliche Lied: „Muß i denn...“ Von allen Gestaden wird mit einer Begeisterung gewinkt, als zöge eine Armada von Helden aus, das Land vom Lindwurm zu befreien.

Elf Flöße voll ausgelassener Freizeitmenschen schwimmen zwischen Mai und September an jedem Samstag und Sonntag die Isar hinunter, dazu an jedem Wochentag noch einmal fünf oder sechs. Das sind etwa 40 Fahrten pro Woche oder rund 900 in der Saison. Annähernd 50 000 Menschen und schätzungsweise 150 000 Liter Bier werden jährlich von Wolfratshausen nach München geflößt.

Ferdinand faßt Mausi ins Auge