Wenn Oppositionsführer Kohl an den Zustand der sozialliberalen Koalition in Bonn denkt, dann erinnert er sich, wie seine Mitarbeiter erzählen, an seine Ferienwanderungen im Salzkammergut. Dort stehen auf den Almen Heustadel, die Jahr um Jahr windschiefer werden, immer baufälliger wirken, aber zählebig den Unbilden der Witterung trotzen. Insoweit ist die Geschichte eine Mahnung an die Parteifreunde, nicht auf einen schnellen Machtwechsel in Bonn zu spekulieren und nicht jetzt schon in der Siegerrolle zu posieren.

Die Geschichte geht freilich weiter: Geraderichten lassen sich die Stadel nicht mehr. Und daß sie überhaupt stehenbleiben, hängt davon ab, ob die Herbststürme mäßig sind und ob der Schnee im Winter sanft und regelmäßig fällt. Irgendwann einmal stürzen sie zusammen, entweder aus Altersschwäche oder weil der Schnee zu dick liegt. Auf eine Kombination von beidem – Altersschwäche und politischer Klimasturz – richtet sich die Opposition ein.

In die Sprache der Politologie übersetzt heißt das: Noch in dieser Legislaturperiode, vermutlich bis zum Jahresende 1982 wird die FDP so weit sein, daß sie die Koalition beenden muß. Die Gründe? In der Opposition geht man davon aus, daß Genscher nicht mehr damit rechnet, bei der nächsten Bundestagswahl 1984 zusammen mit der SPD eine Regierungsmehrheit zu erreichen.

Auch wenn die FDP ihr Traumergebnis vom letztenmal mit über zehn Prozent wiederhole, die SPD werde auf keinen Fall genug Stimmen liefern – wegen der Wählerstimmung im allgemeinen und wegen der Grünen im besonderen. Also müsse die FDP, so Kohls Konzept, um sich selber zu retten, "springen"; und sie könne dies nicht erst am Ende der Legislaturperiode tun.

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Tatsächlich scheinen diejenigen in der Union, die bisher einer solchen Möglichkeit skeptisch gegenüberstanden, wie etwa der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Stoltenberg, diese Chance nun genauer zu erkennen (obwohl er dementiert hat, mit Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff über künftige Koalitionsmöglichkeiten gesprochen zu haben).

Was freilich die Spekulation angeht, in einem solchen Fall wünsche sich die FDP Stoltenberg als Kanzler, so gilt ein solches Ansinnen in der Union als abwegig. Einmal sitze Kohl als Fraktionsführer fest im Sattel, zum anderen habe in der FDP immer die Regel gegolten, sich in die Personalfragen des Partners nicht einzumischen.