Sie heißen Adrienne und Delores, Robin und De’Shone; sie sind 15 Und 16 Jahre alt, Schülerinnen noch und stehen doch mit beiden Beinen schon in einer Profiexistenz. Das ist ganz wörtlich zu nehmen, denn ihre Kunst erfordert vor allem Bein: Beinmuskeln, Schnellfüßig keit, Standfestigkeit, Sprungkraft, Ausdauer. Sie sind Seilspringerinnen von Wettbewerbskaliber, und im September werden sie sich zum erstenmal deutschen Zuschauern live präsentieren, auf der Internationalen Sportartikelmesse in München, dann auf der Funkausstellung in Berlin.

Seilspringen dieser Art – mit zwei Seilen, die gegeneinander geschlagen werden, mit hoher Geschwindigkeit und akrobatischen Tricks – ist erst seit 1974 ein Wettbewerbssport, und bislang ein rein amerikanischer. Die New Yorker Polizei, die damals bereits ein Radrennen für Jugendliche in Harlem organisierte, suchte nach einem Mannschaftssport für Mädchen, der so natürlich aus einem Kinderspiel hervorgehen könnte, wie Radfahren und Basketball für Jungen. Man kam auf „Double Durch“, das vor allem in den Städten des Nordostens gespielt wurde.

Die Herkunft des Spiels, wie des Namens, wird mit den ersten Siedlern von New Amsterdem – dem späteren New York – in Verbindung gebracht. Das Seefahrervolk soll dieses Spiel für Kinder, entwickelt haben; bald wurde es dann ein typisches Straßen- und Hinterhofspiel in ganz New York.

Die „Väter“ des ganzen Unternehmens sind die Beamten des 24. Polizeibezirks auf Manhattans Westside. Detektiv Michael Williams, der mit seinem Kollegen David Walker die „American Double Dutch League“ offiziell betreut, erklärt Besuchern die Regeln und die Feinheiten der Kür. „Eine neue Grenze wurde durchstoßen, als diejenigen, die die Seile schlagen, anfingen, selber mitzuspringen.“ Er lobt vor allem die „Phantastischen, Vier“, jenes Team, das nun von einem Sportartikelhersteller nach München geflogen wird, nachdem es im „Aktuellen Sportstudio“ gezeigt worden war.

Sie tragen den Namen zu Recht – ihr Springstil ist rhythmisch, oft tänzerisch, dann wieder akrobatisch, und beim Geschwindigkeitstest halten sie den Weltrekord: Adrienne Monique Adams, genannt Nicky, die kleinste der vier, macht 678 Sprünge in zwei Minuten. Regelgerecht ausgedrückt heißt das: Ihr linker Fuß berührt den Boden 339mal. In der Kür, die sie in – – vierjährigem Training zusammen entwickelt und..., ständig verbessert haben, schlägt Robin Oakes plötzlich beide Seile mit einer Hand ind springt noch über die kreisenden Seile. De’Shone Adams schlägt ein Rad beim Ein- und Abgang.

Sie sind Artisten, aber sie leben noch immer dort wo sie aufgewachsen sind: in „Housing Projects“ – Sozialbauten der einfachsten Sorte, auf Manhattans Lower Eastside. Doch wenn sie nach Hause kommen, werden sie von links und rechts begrüßt. Man kennt sie, so wie man die Stars des Basketballteams kennt oder die Mitglieder einer Rockgruppe, die zuerst in der Nachbarschaft übten und dann berühmt wurden. Immerhin waren sie bereits in vier Fernsehshows und in einem Werbespot für McDonalds. Alle vier erzählen mit kaum verhohlenem Stolz, daß sie in ihrer Schule ständig um Autogramme gebeten werden! Vor kurzem drehten sie innerhalb einer Woche eine Szene für einen Film über Freizeitsport flogen sie für einen Auftritt nach Chicago. Zwischendrin, während sie ihre Trikots wuschen und Koffer packten, erfuhren sie dann, daß es mit dem Trip nach Germany am 8. September ernst würde. „Was ziehen wir an? Was für eine Nationalität haben die Leute da? Sprechen sie englisch?“

Von der Außenwelt mögen sie nicht viel wissen, aber vor Lebenserfahrung bleiben sie kaum geschützt. Die eine lebt mit ihrer Mutter und sieben Geschwistern von der Fürsorge; zwei andere wohnen bei ihren Großmüttern; eine intakte Familie hat nur ein Mädchen; der Vater ist Zugführer in der Untergrundbahn.