Hörenswert

Kapingbdi: „Don’t escape“. Auf der ersten Seite hört man – scheinbar – Vertrautes, auf der anderen etwas mit fremden Zügen, eine Art von Jazz in westafrikanischen Farben, gemischt aus Elementen der alten, auch dort allmählich verschwindenden Volksmusik. Wer die überraschend eingängliche Musik nicht nur an sich vorüberhuschen lassen will, wird auf der inneren Plattentüte geduldig unterrichtet: über das liberianische, sich seiner westafrikanischen Heimat verpflichtet fühlende Sextett des Saxophonisten Kojo Samuels, über seine Vorsätze und seine Moral, seine künstlerische Arbeit, seine Musik und seine Existenz, vor allem über die Versuche, die Quellen afrikanischer Musik mit den Quellen des Jazz zusammenfließen zu lassen. Es entstand dabei beileibe kein provinziell-folkloristisches Häkelwerk, sondern ein ungemein blutvolles, rhythmisch prägnantes, klangfarbenreiches, in den Texten gegenwartsbezogenes, also ein packendes Konzert, dessen sieben Stücke sich am ehesten mit Jazz-Rock umschreiben lassen. (Trikont Verlag, US-0081) Manfred Sack

The Paragons: „Sly And Robbie Meet The Paragons“. Unter den jamaikanischen Vokalgruppen der zweiten Generation waren die „Paragons“ jahrelang eine der populärsten, weil sie die Stimmung der Jahre 1965 bis 1968 so genau trafen. Ska, aus Jazz, Kirchengesängen und Memphis-Soul geboren, hatte vorher den Aufbruch markiert, während Reggae die Musik der Neuen Depression wurde. Dazwischen erlebte Jamaika vorübergehend eine ökonomische Prosperität, die der Rocksteady-Beat von Gruppen wie den Paragons reflektierte. Die vorherrsehende Stimmung in ihren Liedern wie „Happy Go Lucky Girl“ oder „The Tide Is High“ war Optimismus, und die Songs orientierten sich stärker an weißer Popmusik als Ska vorher oder Reggae nachher. Der Original-„Sound“ war zwar deutlich archaischer und urwüchsiger als bei dieser neuen Produktion, für die die Paragons sich re-formierten. Die Rhythmus- und Bläserbegleitung klingen . so zeitgenössisch wie die „Dub“-Echoeffekte. Aber was die Essenz dieses Vokal-Pop ausmachte, ist so unverwechselbar wie vor fünfzehn Jahren. (Island 203 694) Franz Schüler

Absurd

„Die ganze Welt der Klassik.“ Wer alle vier Kassetten besitze, nenne „138 Werke von Komponisten aus 200 Jahren Musikgeschichte auf 20 Platten sein eigen“ – meint ein Werbetexter. Falsch: 138 mal Klassik-Verschnitt. Brahms: zwei ungarische Tänze, einen 1. (1. Sinfonie) einen 3. Satz (3. Sinfonie), einen Walzer, eine Ouvertüre, dazu ein Lied im Hollywood-Schmalzstil verkitscht. Allgemein: Hiervon ein Häppchen, davon eine Bearbeitung, im soundschmachtender Geigen oder mit Bläser-Schmetterengteng. Nicht einmal zu der Gemeinheit sind die Kassetten tauglich, sie einem Mitmenschen zu schenken, dem man den miesesten Geschmack und ansonsten absolute Unbedarftheit attestieren möchte – dafür scheint der Aufwand (Bernstein, Ormandy, Szell, Gilels, Gould, Serkin) zu groß. Aber die Interpreten hatten das Verbot einer Medley-Vermarktung wohl nicht in den Verträgen. (CBS GM 301–304)

Heinz Josef Herbort