Was hat es mit den „Hausbesetzern“ auf sich, fragte mich ein englischer Journalist. Gerade in Berlin, an der Grenze zur DDR, seien Krawalle doch gefährlich? So schlimm sei es nicht, meinte ich; man müsse die jungen Leute verstehen, die aus dem Elternhaus ausrücken wollten und keine billige Wohnung fänden.

Der englische Freund: „Das haben wir auch. Squatters heißen die bei uns. Wenn bei uns eine Baugesellschaft baufällige Häuser oder eine ganze Straße aufkauft, dann kriegt sie nicht alle Häuser auf einmal. Bis Baubeginn stehen also einige leer; da ziehen die squatters ein.“ Und wenn der Bau angefangen und die Häuser abgerissen werden sollen? „Dann schägt der Hauswirt im Hausflur einen Zettel an, bis wann geräumt sein muß.“ Und die Besetzer gehen? „Natürlich, sonst kommt die Polizei. Die Bewohner haben sich längst nach einer anderen Bleibe umgesehen und ziehen friedlich ab. Heute; früher hat es Krach gegeben. Aber seit die squatters wissen, es wird ernst, fügen sie sich den Gesetzen.“

So einfach ist das. Nur nicht in Deutschland. Da hat nämlich der Bundestag 1974 ein Gesetz „zum Schutz der Mieter“ gemacht. Verträge „auf Zeit“ sind unwirksam; ist der Mieter erst einmal in der Wohnung, kann ihm praktisch nie mehr gekündigt werden. Der Vermieter kann bei Gericht – wegen Teuerung – eine höhere Miete beantragen; die Gerichte gewähren sie zögernd. Nur: Er wird den Mieter nicht los; der hat mit der Miete ein Stück Eigentum erworben. Wenn also der Bauunternehmer die deutschen squatters aufnimmt, hat er Dauermieter. Einer in einer Straße von baufälligen Häusern, ein Mieter in einem Etagenhaus kann den Neubau endlos verzögern, fast verhindern; alle anderen Wohnungen stehen sinnlos leer. Das war das Ende der – Marktwirtschaft am Wohnungsmarkt. Die englischen squatters sind freilich echte Wohnungslose, nicht die militanten Scharen, die bei uns die Not der wenigen benutzen.

Ein zum Schutz der Mieter gemeintes Gesetz wird zur Geißel. Warum sollen obdachlose oder meinetwegen abenteuerlustige Jugendliche nicht auf ihr Risiko (die Treppe kann einstürzen) umsonst Miethäuser bewohnen, die sonst zu nichts mehr taugen? Dem steht nichts entgegen als ein Gesetz (1974), das man ändern kann. Die sozialliberale Koalition hat es damals eingebracht; die Opposition (CDU/CSU) hat zugestimmt. Als ich damals Biedenkopf die Folgen vorhersagte: „Ja, wir können doch nicht gegen die Mieter stimmen.“ In Berlin stehen siebentausend solcher Abbruchwohnungen leer; die Polizei muß sie verteidigen.

Wohnungsnot? Natürlich gibt es Wohnungsnot! Viele, vor allem junge Leute in den Großstädten, suchen lange nach Wohnungen – zu „vernünftiger Miete“ natürlich. Wer nicht selbst (teuer) bauen kann, muß ewig warten.

Das ist neu. 1960 zum Beispiel kommt das Wort Wohnungsnot in den Zeitungen nicht vor. Also gibt es heute weniger Wohnraum als 1960? Keineswegs: Es gibt 1980 über die Hälfte mehr Wohnraum pro Kopf der Bevölkerung als 1960! Das Bonner Bau-Ministerium nennt folgende Zahlen (siehe Tabelle):

Mehr Wohnraum denn je zuvor