Die Subventionsbombe tickt

Was hat es mit den "Hausbesetzern" auf sich, fragte mich ein englischer Journalist. Gerade in Berlin, an der Grenze zur DDR, seien Krawalle doch gefährlich? So schlimm sei es nicht, meinte ich; man müsse die jungen Leute verstehen, die aus dem Elternhaus ausrücken wollten und keine billige Wohnung fänden.

Der englische Freund: "Das haben wir auch. Squatters heißen die bei uns. Wenn bei uns eine Baugesellschaft baufällige Häuser oder eine ganze Straße aufkauft, dann kriegt sie nicht alle Häuser auf einmal. Bis Baubeginn stehen also einige leer; da ziehen die squatters ein." Und wenn der Bau angefangen und die Häuser abgerissen werden sollen? "Dann schägt der Hauswirt im Hausflur einen Zettel an, bis wann geräumt sein muß." Und die Besetzer gehen? "Natürlich, sonst kommt die Polizei. Die Bewohner haben sich längst nach einer anderen Bleibe umgesehen und ziehen friedlich ab. Heute; früher hat es Krach gegeben. Aber seit die squatters wissen, es wird ernst, fügen sie sich den Gesetzen."

So einfach ist das. Nur nicht in Deutschland. Da hat nämlich der Bundestag 1974 ein Gesetz "zum Schutz der Mieter" gemacht. Verträge "auf Zeit" sind unwirksam; ist der Mieter erst einmal in der Wohnung, kann ihm praktisch nie mehr gekündigt werden. Der Vermieter kann bei Gericht – wegen Teuerung – eine höhere Miete beantragen; die Gerichte gewähren sie zögernd. Nur: Er wird den Mieter nicht los; der hat mit der Miete ein Stück Eigentum erworben. Wenn also der Bauunternehmer die deutschen squatters aufnimmt, hat er Dauermieter. Einer in einer Straße von baufälligen Häusern, ein Mieter in einem Etagenhaus kann den Neubau endlos verzögern, fast verhindern; alle anderen Wohnungen stehen sinnlos leer. Das war das Ende der – Marktwirtschaft am Wohnungsmarkt. Die englischen squatters sind freilich echte Wohnungslose, nicht die militanten Scharen, die bei uns die Not der wenigen benutzen.

Ein zum Schutz der Mieter gemeintes Gesetz wird zur Geißel. Warum sollen obdachlose oder meinetwegen abenteuerlustige Jugendliche nicht auf ihr Risiko (die Treppe kann einstürzen) umsonst Miethäuser bewohnen, die sonst zu nichts mehr taugen? Dem steht nichts entgegen als ein Gesetz (1974), das man ändern kann. Die sozialliberale Koalition hat es damals eingebracht; die Opposition (CDU/CSU) hat zugestimmt. Als ich damals Biedenkopf die Folgen vorhersagte: "Ja, wir können doch nicht gegen die Mieter stimmen." In Berlin stehen siebentausend solcher Abbruchwohnungen leer; die Polizei muß sie verteidigen.

Wohnungsnot? Natürlich gibt es Wohnungsnot! Viele, vor allem junge Leute in den Großstädten, suchen lange nach Wohnungen – zu "vernünftiger Miete" natürlich. Wer nicht selbst (teuer) bauen kann, muß ewig warten.

Das ist neu. 1960 zum Beispiel kommt das Wort Wohnungsnot in den Zeitungen nicht vor. Also gibt es heute weniger Wohnraum als 1960? Keineswegs: Es gibt 1980 über die Hälfte mehr Wohnraum pro Kopf der Bevölkerung als 1960! Das Bonner Bau-Ministerium nennt folgende Zahlen (siehe Tabelle):

Mehr Wohnraum denn je zuvor

Die Subventionsbombe tickt

Nun ziehen wir den Luxusbedarf ab: Reiche Leute wohnen "groß", haben oft Zweitwohnungen und deshalb schon 1960 mehr als 19,4 Quadratmeter und 1980 mehr als 32. So gemindert sind es 18 Quadratmeter 1960 und 27 1980. Im Durchschnitt für jeden Bürger. Und dann Wohnungsnot? Was ist da los?

Es wird nicht mehr gebaut

Nun gut, die Bürger wollen eben noch mehr und noch größere Wohnungen, vor allem Mietwohnungen. Die Achtzehnjährigen wollen weg aus dem Elternhaus – sie wollen Wohnungen, billige natürlich. Warum werden keine gebaut?

Fast drei jahrzehntelang, nach der Währungsreform, bauten wir nämlich reichlich Mietwohnungen – mehrere hunderttausend jährlich. Noch vor zehn Jahren haben die Versicherungsgesellschaften für fünfzehn Prozent ihrer Kapitalanlagen Mietwohnungen gebaut; wenn sie Prämien für eine Lebensversicherung einnehmen, müssen sie laut Gesetz das Geld sicher anlegen, zum Schutz der Versicherten. Kleine Kaufleute, Handwerker, Ärzte, Rechtsanwälte sparten so für Alter und Altersbeschäftigung.

Heute werden Häuser mit "vernünftigen" Mieten fast überhaupt nicht mehr gebaut. 70 000 Bauarbeiter sind arbeitslos. 300 000 könnte man gebrauchen, würde gebaut. Warum?

Es könnte gebaut werden

Boden gibt es genug. Zwei Beispiele: In Hamburg werden 50 000 Wohnungen gesucht (davon 25 000 "Einzelhaushalte", meist 18- bis 20jährige, die eine Wohnung wollen, billig natürlich). Nahe der Innenstadt gehört der Hansestadt 1320 Hektar Bauland; nahe Stadtautobahn und Stadtschnellbahn; da sollte die Siedlung Allermöhe für 65 000 Bewohner gebaut werden. Ferner: Gerade hat die Stadt Oldenburg Bauland zum Selbstkostenpreis angeboten – und reguliert damit den Grundstücksmarkt, kein Grundbesitzer kann mehr verlangen als die Stadt, Kein Problem also, die meisten Mietwünsche ließen sich erfüllen, wenn gebaut würde. Aber niemand will das Bauland haben, weil die Baukosten zu hoch geworden sind. Wirklich: Es gibt Bauland, aber keine Nachfrage. Allermöhe wird nicht gebaut. Eine Mietwohnung mit 100 Quadratmetern zu bauen, kostet (ohne Boden) heute fast 200 000 Mark, dazu Aufschließungskosten (Straßenbau, Leitungen usw.) 30 000 Mark. Bis dahin hat kein Spekulant etwas verdient, und die Hansestadt hat ihr Grundstück umsonst hergegeben.

Die Subventionsbombe tickt

Warum nicht gebaut wird

Wenn Autos gefragt werden, werden doch Autos gebaut – eine Autonot gibt es nicht. Gelegentlich gibt es mal Lieferfristen –, aber schnell stellt die Industrie neue Fabriken und neue Fließbänder auf. Warum funktioniert das mit dem Wohnungsbau nicht?

Das ist ganz einfach: Eine Wohnung zu bauen, ist heute so teuer geworden, daß – ohne jeden Gewinn für den privaten oder gemeinnützigen Bauherrn – die Miete pro Quadratmeter 22 Mark kostet. Für eine Wohnung mit hundert Quadratmetern also 2200 Mark monatlich. Da muß ein Angestellter also erstmal 4000 Mark brutto verdienen, nur um seine Miete zahlen zu können.

Warum ist das Bauen so teuer? Es ist äußerst lohnintensiv. In der Industrie hilft man sich mit arbeitssparenden Techniken – beim Bau geht das kaum. Ein Auto der Mittelklasse zu bauen, braucht heute dreißig Prozent weniger Arbeitszeit als 1960. Früher ließen sich feine Leute vom Schneider den Anzug "bauen" – für siebzig Schneiderstunden. Jede davon kostet heute 45 Mark. Mit etwas Stoff muß der Anzug dann 3500 Mark kosten. Heute, besorgt uns jeder Konfektionär den Fertiganzug aus Italien (zwölf Arbeitsstunden) für 800 Mark. Also tragen auch die Reichsten Fertiganzüge – nur wohnen tun wir alle noch in den größten Wohnungen, die neu herzustellen 22 Mark pro Quadratmeter Miete monatlich erfordern. Denn: Im Wohnungsbau konnten von 1960 bis 1980 nur etwa sechs Prozent der Arbeitsstunden eingespart werden; mehr hat die Bautechnik nicht hergegeben.

Trotzdem zahlen viele nur sechs bis acht Mark Miete, manche zehn Mark; in einigen alten Häusern (vor allem in Berlin) wohnt man noch für drei Mark. Wie ist das möglich? Ganz einfach: Die neugebauten Häuser (sozialer Wohnungsbau) werden subventioniert – der Staat zahlt aus Steuermitteln solange zu, bis die niedrige Miete erreicht ist. Der Staat deckt den Unterschied Zwischen der Kostenmiete (22 Mark) und der tatsächlich gezahlten Miete (sechs oder acht Mark). Wer sich selbst ein Wohnhaus baut – wohlhabende Leute –, bekommt über steuerliche Abschreibungen viel geschenkt; man fragt sich, warum?

Diese Subventionen kosten zur Zeit den Bundeshaushalt jedes Jahr zwanzig Milliarden Mark. Und weil die Kassen leer sind, werden Miethäuser nicht mehr gebaut. Nur reiche Leute bekommen für ihren privaten Wohnungsbau weiter die "Subventionen"; nur heißen sie da "Abschreibungen" und mindern still die Steuereinnahmen.

Nun braucht der Staat nicht überall den Unterschied zwischen den 22 Mark (heutige Kostenmiete) und acht oder sechs Mark (Sozialmiete) zu bezahlen. Vor zehn Jahren baute man noch billiger: für etwa 15 Mark pro Quadratmeter; hier ist die Subvention also geringer, denn der Staat zahlt nur die Differenz zwischen 15 Mark und der Sozialmiete.

Die Subventionsbombe tickt

Vor allem aber: Wir haben noch viele Altbauwohnungen, zum Teil noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Deren Mieten werden durch das Gesetz von 1974 künstlich niedrig gehalten. Der Eigentümer darf nicht verlangen, was ihm der Markt hergeben würde; er ist an die alte, einmal vereinbarte Miete gebunden und bekommt nur Teuerungszuschläge. Sie müssen von den Gerichten bewilligt werden, und die tun das zögernd. Mit anderen Worten: Dem Hausbesitzer ist verhüten, den Wiederbeschaffungspreis zu nehmen.

Das hat zwei Folgen. Einmal: Der Hausbesitzer hat nicht das Geld, das Haus neu zu bauen, wenn es baufällig geworden ist. Zweitens: Da der Mieter billig wohnt, räumt er nicht, wenn sein Wohnungsbedarf geringer wird (zum Beispiel, weil Kinder das Haus verlassen). Würde man mit Autos genauso verfahren, hätten wir in wenigen Jahren "Autonot".

Das hat wiederum zwei Folgen. Erstens: Seit zwei oder drei Jahren werden Mietwohnungen nicht mehr gebaut. Zweitens: Seit bald zehn Jahren verläßt kein Mieter mehr die Wohnung, auch wenn sie ihm noch so groß wird: Muß da noch die jetzt aufkommende Wohnungsnot verwundern? Warten wir noch lange, wird sie katastrophal werden.

Hundert Milliarden in jedem Jahr

Wir haben 24 Millionen Wohnungen. Davon sind drei Millionen schon so heruntergekommen, daß man sie wirtschaftlich nicht mehr reparieren kann; Neubau ist billiger. Da wohnen Mieter, die zahlen sechs bis zehn Mark Miete, in alten Kästen oft nur drei Mark. Wenn diese Häuser endgültig kaputt sind, kann man nur für 22 Mark Miete neu bauen. Jedes Jahr werden weitere 400 000 Wohnungen (1,7 Prozent des Bestandes) unbewohnbar. Bis 1985 brauchen wir also fünf Millionen Wohnungen. Wollen wir die alle auf acht Mark heruntersubventionieren, von den 22 Mark, die sie die Volkswirtschaft schon heute wirklich kosten?

Bei fünf Millionen Wohnungen und 80 Quadratmeter Wohnfläche und einem monatlichen Zuschuß um 14 Mark errechnet sich daraus ein Subventionsbedarf von 67,2 Milliarden Mark pro Jahr, zusätzlich zu den 20 Milliarden, die der Staat schon jetzt zahlt. Und jedes Jahr kommenrund fünf weitere Milliarden hinzu, weil, weitere 400 000 Wohnungen zu Ende gehen. Dasgeht dann bald auf die hundert Milliarden jährlich zu.

Ausbeutung der Vermieter

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Verblüfft fragt man sich: Wieso kommen wir denn heute mit "nur" 20 Milliarden jährlichen Zuschüssen (einschließlich Steuervergünstigungen) aus? Wieso brauchen wir bei gleicher Mieterzahl in fünf Jahren jährlich bis zu hundert Milliarden Mark? Irgendwoher muß das Geld für die billigen Mieten von heute doch kommen? Die Antwort ist ganz einfach:

Einmal waren nicht alle nach dem Krieg im sozialen Wohnungsbau gebauten Häuser so teuer. 1960 baute man noch Häuser zu einer (für die Verzinsung und Amortisation ausreichenden) Miete Vonl2 Mark pro Quadratmeter. Da kostete die Subvention nur vier Mark pro Quadratmeter. Auch heute zahlt der Staat für diese Wohnungen nur jene vier Mark. Das geht gut, solange das Haus hält – die Sorge für den Neubau für 22 Mark pro Quadratmeter Miete haben die Nachfahren. Wir haben die Sorge nur, soweit etwa 1950 gebaute Häuser aus irgendeinem Grunde vorzeitig kaputtgehen.

Zum zweiten: Die "Altbauwohnungen" kriegen überhaupt keinen Zuschuß. Sie hängen auf den niedrigen, vom Staat festgehaltenen Mieten. Da beuten wir die Vermieter aus.

Das kann man an dem Beispiel jener Witwe sehen, der ihr Mann (ohne Rente, mittlerer Gewerbetreibender) als Versorgung ein Miethaus hinterlassen hat. Das gab vor zehn Jahren eine gute Rendite (das ist der Betrag, der ihr von den Mieteinnahmen nach Zahlung aller Kosten bleibt). Seitdem sind die Kosten stark gestiegen – die Mieten so stark nicht. Sie darf nämlich nicht die echten Kosten verlangen, sondern nur das, was ihr der Richter als "angemessen" zubilligt. Nun hat sie angenehme Mieter; die zwingen die alte Dame nicht vor das Gericht. Aber die Spanne zwischen den Einnahmen und Ausgaben (ihre Rendite beziehungsweise Versorgung) wird immer, kleiner. Zuerst. spart sie im Haushalt, lebt schlechter als ein Rentner – das ist eben die Art der Klchbürger. Wan’s denn gar nicht mehrreicht, spart sie an den Reparaturen: Das Haus wird nicht mehr alle sieben Jahre gestrichen (das verlangt eigentlich das Hamburger Klima), sondern alle neun Jahre. Die Installationen werden nicht mehr erneuert; dann gehen sie schneller kaputt – das merkt man aber erst in Jahren. Das Dach wird nicht mehr jedes Jahr nachgesehen – in zehn Jahren fällt es dann zusammen und muß teuer neu gedeckt werden. Die Frau wird das vielleicht nicht mehr erleben. Wen interessieren schon ihre Kinder und Erben?

Aber uns sollte interessieren: Da verzehrt die Nation einen wichtigen Teil ihres Vermögens. Man sehe sich in Wien oder Paris um, was passiert, wenn jahrzehntelang die Mieten gestoppt werden. Der Hausbestand verkommt, die Wohnungsnot wird katastrophal. (Deshalb ist auch unser Lebenshaltungskostenindex falsch. Jeder Mieter erhält – ohne daß er es weiß – einen Zuschuß vom Eigentümer. Das gibt dann niedrige Mieten; die halten den Lebenshaltungskostenindex künstlich niedrig.)

Erste Folgen der Mißwirtschaft

Eben jetzt drängen uns die Folgen der Mißwirtschaft. Plötzlich gibt es "Wohnungsnot". In der Tat: Da stehen Tausende vor der Tür; drinnen wohnen Leute zu einer Miete, die die Kosten nicht mehr deckt. Und wie die Leute wohnen! Warum sollten sie auch ausziehen, wenn ihre Miete so schön subventioniert wird – und der Umzug so viel kostet?

Die Subventionsbombe tickt

Folgendes passiert doch jeden Tag: Sohn oder Tochter werden achtzehn Jahre, ziehen bei den Eltern aus und wollen eine eigene Wohnung. Bei den Eltern hatten sie ein Zimmer von zwölf Quadratmetern, Flur, Küche Bad und Toilette wurden mitbenutzt. Allein brauchen sie aber dreißig Quadratmeter, achtzehn Quadratmeter neu zu beschaffenden Wohnraum mehr – wenn die Eltern in eine kleinere Wohnung umziehen würden. Aber warum sollten sie, wenn sie für sechs oder acht Mark wohnen? Die Umzugskosten sind hoch; und wer verzichtet schon auf ein Gun für das er nur ein Drittel der Kosten zahlen muß?Also mußten für jedes flügge gewordene Kind dreißig Quadratmeter neu gebaut werden – zu einer Kostenmiete von 660 Mark. Nun wissen die Kinder: Der Vater zahlt nur sechs oder acht Mark; da wollen sie auch nur 240 Mark im Monat für ein Zimmer zahlen. Sie haben ja das "Recht auf eigene Wohnung". Das wäre dann gleich dem Recht auf einen Zuschuß von 420 Mark monatlich, 5040 Mark jährlich.

Marsch in die Zwangswirtschaft

Nun können wir uns heute wirklich mehr leisten als 1960. Wir verdienen mehr; die meisten Güter sind billiger geworden: Auto, Fernseher, Auslandsreisen, Fertigkleidung – nur der Schneideranzug ist unerschwinglich. Wohnungen sind "handgemacht", arbeitsintensiv – wer über dem Minimalbedarf wohnt, lebt so luxuriös wie der Mann im Maßanzug.

Nur merken wir das nicht. Müßten wir mit der Miete die Wiederbeschaffungskosten von 22 Mark je Quadratmeter zahlen, würden wir uns ganz schnell einschränken. Vielleicht würden wir ein Fünftel weniger Wohnraum beanspruchen; dann würden wir wohnen wie der – ja auch nicht arme – Durchschnittsfranzose. Dann wäre die Miete für den einzelnen aber auch immer noch teurer als heute. Beispiel: Die Familie hat hundert Quadratmeter und zahlt heute im Monat 800 Mark. Achtzig Quadratmeter zu vollen Neubaukosten wären 1760 Mark.

Nun kann man die Häuser einfach verkommen lassen. Die alten Buden, die wir heute den Türken vermieten, bieten wir dann den jetzigen Bewohnern des sozialen Wohnungsbaues an. Dann sparen wir für ein paar Jahre Milliarden – und es wird wieder nicht gebaut und die Rechnung später um so bitterer. Vielleicht Wohnungszwangswirtschaft? Bleiben wir beim jetzigen System, ist sie unvermeidlich.

Man kann auch die Wohnungen schlichter bauen, wenn man sie nicht mit den letzten Errungenschaften ausstattet – "unzumutbar" hießdas bisher. Aber jetzt streitet ein SPD-Wohnungsbauminister dafür, da wird es nicht mehrals unsozial gelten! Wir sind eben nicht soreich, wie wir bisher gedacht haben. Vier Mark weniger Miete (18 statt 22 Mark) ließe sich durch einfacheres Bauen sparen. Der jährliche Zuschuß vermindert sich dann um mindestens zwölf Milliarden. Aber das reicht nicht.

Oder alle Mieten freigeben?

Die Subventionsbombe tickt

Was würde passieren, wenn wir – eine theoretische Überlegung – alle Mieten von heute auf morgen freigeben? Wenn jeder Hauswirt seinen Mietern kündigen und – ohne Gericht – die Miete verlangen könnte, die der Markt hergibt? Die Mieten würden schnell steigen, freilich noch lange nicht auf den "Wiederbeschaffungspreis" von 22 Mark pro Quadratmeter. Aber irgend etwas zwischen drei und acht Mark mehr pro Quadratmeter würden die Mieter schon zornig herausrücken, um nicht räumen zu müssen. Viele werden räumen, um sich eine kleinere Wohnung zu suchen. Die wiederum werden frei, weil deren Bewohner sich ebenfalls kleiner einrichten müssen. Große Wohnungen würden aufgeteilt werden. In diesem freien Markt gäbe es keine Wohnungsnot und keine Subventionen. Für Miete im "sozialen Wohnungsbau" gäbe es keinen Zuschuß mehr. Die Eigenheimbauer bekämen keine Steuervergünstigungen mehr. Alles zusammen würde 20 Milliarden Mark sparen, die heute jährlich den Bundeshaushalt belasten. Das könnten wir den Bürgern durch niedrigere Steuern vergüten.

Eine freie Wohnungswirtschaft ist genauso denkbar wie die freie Autowirtschaft. Auch die Autowirtschaft kostet keine staatliche Verwaltung. Wenn wir meinen, auch der Ärmste müßte ein Auto haben, könnten wir ihm ein "Autogeld" geben. Da auch der Ärmste eine bescheidene Wohnung haben muß, geben Wir ihm ein "Wohngeld", auch in Zukunft.

Aber nun kommt der Haken, dieses Mal aus der gesellschaftlichen Moral. Freigabe der Mieten heißt Gewinn für die Hauseigentümer – die Häuser werden mehr wert, wenn die Mieten steigen. 1960 kostete der Bau eines Hauses mit acht Mietwohnungen zu hundert Quadratmetern etwa 1,2 Millionen Mark (etwa vierzehn Mark Miete im Monat); heute kostet dasselbe Haus zwei Millionen Mark. Wäre der Markt wirklich ganz frei, hätte der Eigentümer in zwanzig Jahren 800 000 Mark steuerfrei "verdient".

Nun gönnen wir dem Bürger, der ein Kunstwerk gekauft hat, daß er es nach zwanzig Jahren vielleicht zum zehnfachen Preis verkauft – steuerfrei. Bei Gold oder Silber ist es ähnlich. Daran kann man, ähnlich wie bei Aktien, viel verdienen oder auch verlieren. Wenn Aktionäre Geld verlieren – etwa bei AEG, stört das niemanden; es ist das "natürliche Risiko des Kapitalisten" –, nur Gewinne stören. Bei Mietwohnungen "gewinnen" wäre eigentlich ebenso natürlich. Aber die Gewinne wären exorbitant, auf so breiter Basis und so sichtbar; deshalb sind sie politisch nicht durchsetzbar.

Katastrophe der Kostenmiete

Aber man muß die Mieten langsam steigern. Teils um die staatliche Subvention zu mindern. Teils um (vor allem beim Althausbesitz) den Eigentümern den Neubau zu ermöglichen – so wie wir dem Taxifahrer ermöglichen, mit Hilfe seiner Einnahmen ein neues Taxi zu kaufen, wenn das alte kaputt ist.

Allzu neidisch darf man auf den Eigentümer eigentlich nicht sein. Daß man die Miete dramatisch unter dem Wiederbeschaffungspreis hält, ist schon eine Enteignung und eigentlich nur gegen Entschädigung zulässig.

Die Subventionsbombe tickt

Nun können wir also wählen. Entweder: alleslassen, wie es ist und in fünf Jahren hundert Milliarden, in zehn Jahren 150 Milliarden, in zwanzig Jahren 250 Milliarden jährlich Subventionen zahlen. Oder: langsam steigende Mieten (zum Beispiel Staffelmiete für zehn Jahre, dann Freigabe), die dafür sorgen, daß Wohnraum nicht verschwendet, sondern wirtschaftlich verbraucht wird, sparsamer als heute.

Am Ende steht dann entweder die Katastrophe oder die Kostenmiete. Sie gibt es im freien Markt. Für soziale Härten ist dann wegen der ersparten Subventionen Geld genug da für Beihilfen für jene, die es wirklich brauchen.

Der Sündenfall: Mietstopp

Es fehlt nicht an Wohnungen – es fehlt an subventionierten Wohnungen.

Wenn jeder seine Wohnung zum Herstellungspreis bekommt und keine Subventionen (einschließlich der steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten für die Reichen) gezahlt werden – dann können die Steuern ermäßigt (oder die Zuwendungen an die Ärmeren erhöht) werden. Das spart Milliarden Verwaltungskosten, belastet die Wohlhabenden, und begünstigt die tatsächlich Bedürftigen. Es zwingt alle, sich mit bescheidenerem Wohnraum abzufinden; die Mieter mieten weniger, die Reichen bauen kleiner. Wer mehr haben will, muß es selbst bezahlen. Jetzt zahlt der Staat den Reichen (über große Abschreibungen beim Wohnungsbau) ein Viertel ihres Eigentums.

Den normalen Zustand hätten wir schon jetzt – wenn wir nicht eines Tages auf den Gedanken gekommen wären, die Mieten zu "stoppen". Aber in dieser Nation spukt der Gedanke, man könne durch Regulierung etwas umsonst (oder unter dem Herstellungspreis) bekommen. Das geht für kurze Zeit und endet in der Katastrophe.