Als das Telefon läutete ging Lansbugh hinaus. Er blieb eine ganze Weile weg. Draußen wurde es dunkel. Es war Mitte Juni in Uppsala. Als er zurückkam, sagte er lächelnd: „Eine Doosie aus ...“ War’s Kassel? Ich hab’s vergessen. Jedenfalls eine Stadt in der Bundesrepublik. Ich sah auf die Uhr: zehn Uhr vorbei. Mir fiel ein, daß Lansburgh in seinem Buch „Dear Doosie“ (aus Du und Sie „werbegerecht gemischte Brunstform“) seine Leserinnen animiert hatte, jeden Freitagabend Punkt zehn an ihn zu denken. Er wolle gleichzeitig an „Doosie“ denken, die unbekannte Adressatin der deutsch-englischen Lehr- und Liebesbriefe, die es inzwischen hunderttausendmal gibt.

Tausend Leserinnen fühlten sich so persönlich angesprochen, daß sie reagierten. „Aber es ist Mittwoch“, monierte ich. „Die meisten wollen ein Sonderdatum haben“, erwiderte Lansburgh, „sie mögen keinen Gruppensex per Telefon.“

Auch Briefe kamen. Er hat sie in drei Kategorien aufgeschlüsselt: Sex, nützliche Kontakte, Geld. „Natürlich überschnitten, sich diese Kategorien zuweilen, they overlapped (bitte merken), but the more they overlapped, the better.“ Er beschloß, die Meistversprechenden zu besuchen. Und in neuen deutsch-englischen Balzbriefen an die eine zu verraten, an die geliebteste Geliebte, die Doosie der Doosies, die immer noch Unbekannte, die ihm nicht geschrieben und ihn auch nicht angerufen hat, das Biest. Ihr ist das neue Buch gewidmet von –

Werner Lansburgh: „Wiedersehen mit Doosie – Meet your lover to brush üp your English“; Nymphenburger Verlagshandlung, München 1980; 330 S., 28,– DM

Die Sache hat wieder einen sachlichen und einen persönlichen Aspekt. Der sachliche, das sind Lektionen für Leute, die mal Englisch „gehabt“ haben und nun „Denglisch“ radebrechen. Neben vielen sprachlichen Möglichkeiten erfährt man auch von Unmöglichkeiten: pathetisch, gemütlich, knubbelig, Streicheleinheiten (petting units?) und, natürlich, Seele. Deutsche Frauen have a Seele.“ Frau Greier-Hoeffner, geschiedene Aquarellistin, vermißt sie bei ihm. Er weiß ihr zu entkommen, in die Arme oder jedenfalls Bude („digs“) von Erika, die „all about it“ erfahren will, aber das „it“ bedeutet in diesem Falle die zwanziger Jahre. „Bei deutschen Frauen kommt das Dritte Programm immer zuerst, bevor man aufs erste umschalten kann.“

Er ist ja ein vergleichsweise alter Mann, es sei denn, man zähle nur seine „deutschen“ Jahre (Lebensalter minus Emigrationszeit). Wenn die Doosies untereinander die Anhaltspunkte vergleichen sollten – mit Fallada in die Schule gegangen (der war 19 Jahre älter), seit 1933 von den Klassenkameraden geschnitten, (da war er schon zwanzig) – kämen sie ins Schwimmen. Andrea, Doosie Nr. 9, kündigt sich gleich als neue Generation an: „I am Ruth’s daughter“. Ruth ist die erste Liebe gewesen, damals in Berlin, nachdem Tucholsky dem kleinen Werner einen Setzkasten geschenkt (das war der Ritterschlag) und Lenin den Nationalökonomen Alfred Lansburgh (das war der Vater) als den kompetentesten unter den bürgerlichen Schwachköpfen zitiert und getadelt hatte. Sexuell sei das Alter eher ein Vorteil, erläuternder längst.selber Vater gewordene Werner. Intime und drastische Details nur im Englisch.

Schwerer als mit den Veränderungen des Leibes kann er sich mit denen der Sprache abfinden, Doosie Nr. 3 gibt ihm mehr zu hören und zu denken als zu fühlen. Elf Doosies en detail, der Rest en gros („over forty in Berlin“), mehr war ja wohl weder in Wort noch Tat zu bewältigen: ‚Gastfreundschaft ist eine erbarmungslose Tulend.“ Sehnsüchtig entsann er sich Casanovas, der ohne Komplikationen weitergereicht worden ist. „Were warnen more emancipated in those days? Auch die unbekannte Adressatin der Briefe muß Verständnis aufbringen: „Von Dir alleine eann ich nicht leben, Geliebte“.