Von Horst Bieber

Wie immer wußte das Jornal de Angola, Sprachrohr der Einheitspartei "MPLA-Arbeiterpartei", ganz genau, was sich tausend Kilometer südlich der Hauptstadt Luanda an der namibisch-angolanischen Grenze abspielte. Die südafrikanische Invasion habe überhaupt nichts mit der Swapo zu tun, jener Guerilla-Organisation für ein unabhängiges Namibia, die von angolanischem Territorium aus operiert und dort schon oft das Ziel und Opfer Südafrikanischer "Polizei-Aktionen" geworden ist. Nein, Pretoria plane vielmehr, einen breiten Streifen Niemandsland zu schaffen, um künftig die "Unita" ungehindert aus- und aufzurüsten.

In puncto Fakten und Zahlen hat sich das Jamal de Angola bisher nicht übermäßig zuverlässig erwiesen. Auch die Darstellung der südafrikanischen Absichten entspringt weniger gesicherten Informationen als tiefsitzenden Ängsten in Luanda, und ohne diese Ängste hätte die angolanische Regierung den südafrikanischen Einmarsch der vergangenen Woche wie viele voraufgehende behandelt: mit diplomatischen Protesten und schnellem Rückzug der eigenen Truppen, mit pflichtgemäßer Empörung und dem resignierenden Eingeständnis, daß man – wie schon früher die portugiesischen Kolonialherren – jenen Südteil des Landes eben nicht fest unter Kontrolle habe.

Doch diesmal kämpften angolanische gegen südafrikanische Soldaten. Sowjetische Militär-Instrukteure flohen Hals über Kopf vom Frühstückstisch; die Unita-Freischärler griffen Swapo-Guerrilleros an – früher pflegten beide Organisationen einen unerklärten, aber wirkungsvollen Waffenstillstand, zum Mißfallen Luandas, das die Swapo unterstützt, und Pretorias, das der Unita hilft. Einzig die Kubaner hielten sich heraus, trotz des angolanischen Staats- und Regierungschefs José Eduardo dos Santos, der an die "internationale Solidarität" appellierte und – völlig abweichend von der sonst üblichen Praxis die allgemeine Mobilmachung anordnete.

Militärisch kann die Regierung den Konflikt mit Südafrika nicht gewinnen, das weiß auch der nominelle Oberbefehlshaber dos Santos. Zwar sind die rund 33 000 Mann in den vergangenen fünf Jahren systematisch von einer Guerilla-Armee in eine konventionelle Truppe umgewandelt worden, die schweres Gerät besitzt und bedienen kann. Aber gegen Südafrika besitzt selbst die vollmobilisierte Armee keine Chance; ohne die Hilfe der etwa 16 000 Kubaner wäre jeder Waffengang zum Scheitern verurteilt. Doch Havanna zeigt offenkundig wenig Lust, noch einmal für die MPLA die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und deswegen vermuten viele Weiße in Angola, die Warnung vor der Spaltung des Landes sei auch an das sich zurückhaltende Kuba gerichtet.

Und weiter: Die betonten Hinweise auf den Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit mit der Sowjetunion vom Oktober 1976 sollen in dieser Interpretation den Kreml daran erinnern, daß ganz Schwarzafrika aufmerksam verfolge, was Moskaus Hilfsversprechen wert sei angesichts einer entschlossenen amerikanischen Regierung, die mit Hilfe seiner "südafrikanischen Kubaner" und der Unita-Kämpfer das Rad der Entwicklung zurückdrehen möchte. Daß die Regierung dos Santos mit dem Unita-Chef Savimbi über eine Verständigung verhandelt hat, wurde mittlerweile bekannt; ungeklärt ist, ob dos Santos dabei Moskaus Billigung besaß oder nicht. Immerhin hatte der erst 39 Jahre alte Präsident besonders jene Passage des Vertrages hervorgehoben, in der Moskau die "Souveränität und Selbständigkeit" Angolas zu fördern versprochen hatte.

Solche Hinweise haben bereits Tradition in Angola; dos Santos Vorgänger, der 1979 in Moskau nach einer Krebsoperation verstorbene Präsident Agostinho Neto, hatte bereits eine dezidierte Öffnung zum Westen eingeleitet. Drei Mann standen bereit, sein Erbe anzutreten: der hellhäutige Mulatte und Parteisekretär Lucio Lara, der einmal bitter bemerkte, seine Farbe sei in Angola so ärgerlich wie schwarze Haut in Südafrika; der Mulatte und Verteidigungsminister Teles Careira, ein undifferenzierter Haudegen; und der Schwarze dos Santos. Die Partei entschied sich im September 1979 für den reinrassigen Afrikaner und damit gegen die Herrschaft der Mulatten, von denen ein böses Wort sagt: "Gott schuf Schwarze und Weiße, Erst die Portugiesen schufen die Mulatten." Was vordergründig ein Sieg der Afrikaner über die Haupterben des portugiesischen Kolonialismus war, bedeutete in Wahrheit den Verzicht auf eine pragmatische Politik gegenüber Ost und West und den Sieg der reinen Ideologie.