Volk und Politiker vor der Zukunft

Von Theo Sommer

Hat Helmut Schmidt "Angst" gepfiffen, um sich selber Mut einzuflößen? Hat er eigene Verzagtheit überspielt, als er beklagte, "daß so viele Menschen in Europa sich gegenseitig angst machen" – wie weiland Jimmy Carter, der aus den Bergen Marylands kam und einem nach Führung lechzenden amerikanischen Volk Unregierbarkeit vorwarf? Sprach die "Angst des Tormanns beim Elfmeter" aus dem Bundeskanzler – zu Beginn einer Woche, von der manche den Kollaps seiner Regierungskoalition erwarteten? Oder hat er doch vielleicht auf profunde Weise recht?

Soviel stimmt auf jeden Fall: Angst ist aufs neue ein Thema. Es beherrscht die zeitgenössische Literatur. Die westdeutschen Protestanten haben einen ganzen Kirchentag organisiert, um sich der modernen, auch der modischen Ängste zu erwehren: "Fürchtet Euch nicht!" Einen einzigen lapidaren Satz wirft die Jugend der älteren Generation als Erklärung, Entschuldigung ihres Aussteigens oder Aufbegehrens hin: "Wir haben Angst." Amerikanische Nachrichtenmagazine, wenn sie die Gemütslage der Europäer zu schildern versuchen, verwenden das deutsche Wort neuerdings so selbstverständlich wie "Kindergarten" oder "Volkswagen". "Ein Quantum Angst frei flottierend" – Sigmund Freuds Ausdruck – bestimmt in der Tat die politische Debatte der Gegenwart.

Es ist freilich nicht jene Lebensangst Kierkegaards, Heideggers oder Sartres, die aus dem bloßen "In-der-Welt-Sein" fließt, aus der "Geworfenheit" des Menschen in diese Welt und aus seiner Erkenntnis ihrer potentiellen Unfreundlichkeit – derlei existentielle, existentialistische Angst bewegt die junge Generation kaum. Einige denken über die Grundbefindlichkeit der menschlichen Spezies nach und ziehen wohl auch Schlüsse daraus: flüchten in die Scheingeborgenheit einer alternativen Kleingruppe, in den Bann magischen Gegenzaubers à la Poona, in Neurose oder Depression; manche finden Zuversicht im Glauben der Kirche oder in der trotzigen Würde agnostischer Selbstbestimmung im Sinne von Camus. Die meisten jedoch ängstigt etwas ganz anderes: nicht die Naturgewalten, denen wir ausgeliefert sind, sondern die zerstörerischen Kräfte in uns selbst, die Folgen menschlichen Tun und Handelns.

Hand aufs Herz: Wen müßte es nicht würgen beim bloßen Gedanken daran? Drei Dinge zumal lasten auf der Seele der Zeitgenossen: die Sorge um den Frieden; der Kummer um die Umwelt; die Beklemmung ob der sozialen Stabilität. Hinter alledem steht die Trauer: Trauer weniger um die verlorene Vergangenheit als um eine verlorene Zukunft, mindestens eine Zukunft, die verloren zu gehen droht.

Gewiß ist der Frieden nicht in akuter Gefahr. Da hat Helmut Schmidt recht. So aggressiv, so leichtfertig sind die Russen nicht, und militärisch auch keineswegs so überwältigend, daß sie sich einen Angriff auf Europa leisten könnten, ohne ein Scheitern ihres Vorstoßes, ja letztlich ihren nationalen Untergang zu riskieren. Aber das fortdauernde Aufrüsten in Ost und West – birgt es nicht mehr Gefahren als Garantien für den Frieden? Verschwendet es nicht Mittel, die anderswo lohnender einzusetzen wären – mit friedenstiftender Wirkung zumal in der Entwicklung der Dritten Welt, der doch der Bundeskanzler vor wenigen Jahren einen Welt-Marshall-Plan in Aussicht gestellt hatte? Und ist nicht die praktische Aussetzung der Rüstungskontrollbemühungen zwischen den Blöcken während der zurückliegenden zwei Jahre ein übles Versagen der Politik? Die Wiener Gespräche über Truppenverminderung stagnieren, das Raketenbegrenzungsabkommen Salt II ist russischer Brutalität im Hindukusch und präsidentieller Nervosität im Weißen Haus zum Opfer gefallen; auch die bevorstehenden Verhandlungen über Mittelstreckenraketen in Europa werden unter diesen Umständen schwerlich weit führen. Wie lange kann die politische Entspannung das Wettrüsten überleben?