Der Hauptmann aus dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit, Günter Guillaume, sorgt wieder einmal für Unruhe in seinem Nachbarland. Seit die Absicht der Bundesregierung bekannt geworden ist, ihn vor der vollständigen Verbüßung seiner dreizehnjährigen Freiheitsstrafe freizulassen und gegen in der DDR inhaftierte Agenten des Bundesnachrichtendienstes auszutauschen, schallt aus den Reihen der Opposition und der ihr verbündeten Publizistik lauter Protest: Man müsse an Guillaume „ein Exempel statuieren“, seine Freilassung wäre „eine Geste beispielloser Würdelosigkeit.“

Warum eigentlich? Dem Kanzleramtsspion daraus einen moralischen Vorwurf zu machen, daß er so erfolgreich war und am Ende einen Kanzler stürzen half, ist einfach lächerlich. Das politische Strafrecht als Abwehrmittel gegen feindliche Agenten ist, wie der frühere Generalbundesanwalt Max Güde einmal treffend formulierte, ein „rangniederes Zweckrecht“. Es stellt Taten unter Strafe, die der aburteilende Staat selbst laufend in Auftrag gibt und begehen läßt. Wer dies nicht wahr haben will, gerät unter die Heuchler.

Wir sollten Guillaume laufen lassen, solange wir noch etwas für ihn bekommen – das Leben und die Freiheit von bundesdeutschen Bürgern, die sich für unseren Staat ebenso geopfert haben wie er sich für den seinen. Der Preis für Guillaume wird mit jedem Tag geringer, der ihn der vollen Strafverbüßung näher bringt H.Sch.