Kommunisten im Osten und Reaktionäre im Westen sind sich einig im Haß auf die Alternativen

Verleiht die SED ihre Ehrenmitgliedschaft an Franz Josef Strauß? Wird Alfred Dregger Vorsitzender der ideologischen Kommission des ZK? Ein großaufgemachter Artikel in der Ostberliner Wochenzeitschrift Sonntag läßt so extreme Konsequenzen vielleicht noch nicht erhoffen; er führt aber auf bizarre Weise vor, daß orthodoxe Marxisten ähnlich hilflos der alternativen Bewegung gegenüberstehen wie eingeschworene Reaktionäre. Wer die „Grünen“ bislang skeptisch beurteilte, wird durch diese unheilige Allianz nachdenklich gemacht: Bei solcher Gegnerschaft können sie eigentlich nicht ganz unrecht haben.

Der ganzseitige Aufsatz, dem östlichen Verständnis von Kollektivarbeit getreu von zwei Autoren verfaßt, hat auch zwei Argumentationslinien. Die eine folgt der Linie härtester westlicher Multitheoretiker: Das – den meisten „Alternativen“ gemeinsame – Ablehnen des Konzepts vom ständigen Wirtschaftswachstum sei ein „romantischer Traum“; die Forderung nach Nullwachstum verdanke sich dem konstruiert-fiktiven Widerspruch von Ökonomie und Ökologie. Da fällt rasch das Drohwort, das stets Superwaffe im Arsenal östlicher Argumente ist – der „dritte Weg“.

Von ganz frühen theoretischen Überlegungen führender (und daraufhin bald nicht mehr führender) SED-Funktionäre über einen möglichen eigenen deutschen Weg zum Sozialismus über Budapest 1956, Prag 1968 bis zum heutigen Polen: Für jeden Kreml-Getreuen ist ein „dritter Weg“ der Teufelspfad. Der Sonntags-Autor: „In illusionär-romantischer, kleinbürgerlicher Art und Weise wird die Vision beziehungsweise die Variante einer Gesellschaftsform jenseits vom Imperialismus und realem Sozialismus angebetet und verfochten. Charakteristisch ist die Negation und verabsolutierende Kritik alles Bestehenden, die Ablehnung aller vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnisse.“

Dahinter stecken zwei kluge Köpfchen – denn: als „Reagieren auf Vernichtung von Lebenschancen“ in der bösen BEHERDEH werden Alternativler und Grüne und Aussteiger natürlich gefeiert; Lenins „gute Heiden“, gleichsam. Aber bündnisfähig sind sie eben doch nicht – also „böse Heiden“. Was nämlich lassen sich die alternativen Gruppen zuschulden kommen? Sie lehnen, man denke, den „realen Sozialismus“ ab.

Und zwar, weil sie ganz richtig erkennen, daß dessen „Revolution“ keine war, daß der östliche Staatskapitalismus dem westlichen der Supermonopole keine lebenswerte Antwort gab; diese Alternative ist für die „Alternativen keine“.

Vor Schreck über diese Einsicht, über die Erkenntnis, daß entfremdete Arbeit sehr wohl möglich ist in einer Gesellschaft, die das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft hat – rutschen die beiden Sonntags-Prediger ins Vokabular des Diffamierens. Das ist ihre zweite Ebene der Debatte. Die bei uns als „Körnerfresser“ oder „Turnschuhgeneration“ verspottet werden, müssen sich nun im Organ des DDR-Kulturbundes wegen ihrer Petroleumlampen, Holzbestecke oder Windgeneratoren höhnen lassen. Die Herren aus der DDR schwärmen nicht nur von Wachstum und technologischem Fortschritt, wie es kein Exxon-Manager aus New York mehr wagt – sie verkleben sich und ihren Lesern auch die Einsicht, daß selbst die DDR mit ihrem Atommüll und Chemieabwässern das Dilemma zwischen Ökonomie und Ökologie keineswegs gelöst hat.

Und das ist die Pointe der Suada, für deren Papier ansonsten etliche Bäume zuviel fallen mußten: Es ist eine Warnung an die eigenen Leute. Denn der Hunger nach anderen Lebensinhalten, der Wunsch nicht nur nach dem neuen „Trabant“ grassiert auch in der jungen DDR-Generation. Selbst so ein Artikel ist Beweis für das, was auch dort – neben Kaffee und Orangen. – Mangel ist: Werte, die weder SED noch FDJ setzen konnten. Diese hochwohllöbliche „Gesellschaft, in der eine von Profitzwängen befreite, an den Bedürfnissen der arbeitenden Menschen ausgerichtete Wissenschaft und Technik existiert“, hat es ja nicht einmal geschafft, die Turnschuhe für ihre Generation zu produzieren; geschweige denn die Freiheit, mit den Füßen darin abzustimmen. Fritz J. Raddatz