Sehenswert

„Der Dirigent“ von Andrzej Wajda. „Wer nicht liebt, was er tut, kann nicht frei sein, aber er ist auch nicht groß.“ Dieser Satz aus Andrzej Wajdas vorletztem Film „Der Dirigent“ gilt sicher nicht für den Regisseur, das merkt man an jedem seiner Filme. Waren „Der Mann aus Marmor“ (1976) und sein neuestes Werk „Der Mann aus Eisen“ (der in diesem Herbst im Fernsehen gezeigt wird und dann in die Programmkinos kommt) Filme mit einer brisant-aktuellen Thematik und hatte der Film „Ohne Betäubung“ (1978) eine fast alptraumhafte Dimension, so ist „Der Dirigent“ (1979) eher ein Kammerspiel, ein psychologisches Drama. Aber er ist auch eine Betrachtung über Kunst und Karriere, er ist Kritik an der oft unguten Allianz von Künstlern und Kulturverwaltern. Der alternde Dirigent Jan Lasocki (John Gielgud), der für die Musik lebt, trifft nach jahrzehntelanger erfolgreicher Arbeit im Ausland in seiner Heimat Polen mit dem jungen, karrieresüchtigen Provinzdirigenten Adam (Andrzey Seweryn) zusammen. Die Begegnung – durch Adams Frau Marta (Krystyna Janda) zustandegekommen – ist nicht nur Ursache einer Ehekrise des jungen Paares, für Lasocki ist sie Anlaß zu einer melancholischsentimentalen Rückschau, und die Kulturfunktionäre wittern eine Chance, den Ruhm des Maestros für ihre Zwecke auszunutzen. Wajda arbeitet die Charaktere der beiden Dirigenten äußerst genau heraus – ihre Bewegungen beim Dirigieren, ihr Umgang mit den Musikern sind sinnfälliger Ausdruck ihrer Gegensätzlichkeit. Den Satz „Man muß sein Orchester lieben, nicht dressieren“, mag man wörtlich nehmen, kann ihn aber auch verstehen als Anspielung auf polnische Verhältnisse, Die „Schicksalssymphonie“ von Beethoven soll zu Ehren Lasockis in seiner Heimatstadt gespielt werden, Sie zieht sich als Motiv durch den ganzen Film und gibt – in der Eingangssequenz – einer Autofahrt Martas durch die Straßen Manhattans etwas Rauschhaft-Mitreißendes. Anne Frederiksen

Annehmbar

Der Fanatiker“ von Edward Bianchi treibt im New Yorker Theatermilieu sein Unwesen: Weil seine Briefe an die inbrünstig verehrte Broadway-Schauspielerin (Lauren Bacall) nur von deren Sekretärin beantwortet werden, greift er schließlich zum Rasiermesser. Die Polizei ist mal wieder machtlos, und so müssen der Star und die Zuschauer einige Horror-Situationen durchstehen, ehe es zur letzten tödlichen Begegnung kommt. TV- und Werbemann Bianchi gelang mit seinem Spielfilmdebüt „The Fan“ ein leidlich unterhaltsames Genre-Stück, das geschickt die Gegebenheiten des Theaterlebens nutzt. Lauren Bacall, die unlängst ihr Broadway-Debüt als Musical-Star gab, spielt hauptsächlich sich selbst und darf zeigen, daß man auch mit 56 noch ganz gut tanzen und singen kann. Rolf Thissen

Prätentiös

„Der Einzelgänger“ von Michael Mann war amerikanischer Wettbewerbsbeitrag auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes. Erzählt wird, wie einer, der elf Jahre im Knast überlebt hat (James Caan), sich „doppelt und dreifach zurückholen“ will, was er verloren hat. Als Dieb (Spezialität: Diamantensafes). Dabei immer noch einen Traum hegt, den amerikanischen, und sich deshalb auf die Fallen der Verletzlichkeit einläßt: eine Frau, ein Heim, ein Kind, ein Kontrakt mit der Mafia für einen letzten Coup. Dann um seinen Anteil betrogen wird und nun nach seinem Gefängnis-Überlebens-Grundsatz („Nicht das geringste darf dir irgend etwas bedeuten“) handelt. Alles aufgibt und zerstört, was ihm lieb und teuer war, um unbelastet seine Vendetta zu vollziehen. Bei seinem Kinodebüt versucht Michael Mann (er „erfand“ die TV-Serie „Vegas“ und schrieb etliche Folgen für „Starsky und Hutch“), mit seiner Fernsehvergangenheit radikal zu brechen und sich hochzustilisieren zu einem kinematographischen Poeten der Verzweiflung. Denn „Thief“ (so der Originaltitel) will partout kein gewöhnlicher Thriller sein, sondern eine existentialistische Parabel vom „Fremden“, der verbissen gegen das „System“ und die feindliche Welt ankämpft So ist auch dieser Dieb kein Safeknacker der Sonderklasse, sondern eine Inkarnation des pseudo-mythischen Kino-Individualisten Hollywoodscher Prägung: ein integrer Profi, der im Sumpf allumfassender Korruption „rein“ bleibt, weil er ganz in seiner Arbeit aufgeht Zu derlei verblasener Kino-Philosophie passen die prätentiösen Formalismen. Die Kamera (Donald Thorin) verfährt nach dem Motto „Regennacht im Neon-Dschungel“: keine Asphaltpfütze, die nicht giftiggrün und purpurfarben schillert; kein Autoblech, das nicht dekorativ und dräuend den Moloch Großstadt widerspiegelt Das Resultat solch exaltierter Manierismen ist ein Musterbeispiel vom Männlichkeits-Mystizismus des einsamen Außenseiters, das mitunter wie eine Parodie des „film noir“ wirkt Eine unfreiwillige allerdings. Helmut W. Banz

Empfehlenswerte Filme

„Desperado City“ von Vadim Glowna. „Scarface“ von Howard Hawks. „Das Kabinett des Schreckens“ von Tobe Hooper. „Das Testament des Dr. Mabuse“ von Fritz Lang. „The Blue Gardenia“ von Fritz Lang. „Der Elefantenmensch“ von David Lynch. „Schamanen im Blinden Land“ von Michael Oppitz. „Der Loulou“ von Maurice Pialat. „Providence“ von Alain Resnais. „Wie ein wilder Stier“ von Martin Scorsese. „Der Horror Alligator“ von Lewis Teague.