Von Henryk M. Broder

Wenn man die Autobahn von Jerusalem nach Haifa, die Hauptverkehrsader Israels, befährt, passiert man nach etwa 60 Kilometern Bnej Brak, eine Stadt mit etwa 100 000 Einwohnern am nordöstlichen Rand von Tel Aviv. Die Stadt wird mehrheitlich von „Dati im“ bewohnt, strenggläubigen Juden, die in ihren langen schwarzen Mänteln und den flachen breiten Hüten in Jerusalem ganz selbstverständlich zum Stadtbild gehören, hier aber irgendwie deplaziert wirken.

Daß es in dieser Stadt ein einzigartiges Archiv mit Dokumenten aus der Geschichte Palästinas und des Staates Israel gibt, ist nur wenigen Israelis bekannt. In einem unauffälligen Haus in Tel-Giborim, einem nichtreligiösen Viertel am Rande von Bnej Brak, wohnt Nathan Akselrod, russischer Jude, Früheinwanderer und Filmpionier. Im Keller seines Hauses liegen zweitausend Blechdosen mit Filmmaterial, etwa 500 Kilometer belichtetes Zelluloid, eine einzigartige Chronik aller – oder beinah aller – Ereignisse, die es zwischen 1927 und 1957 festzuhalten gab. Die hochexplosiven Nitrat-Filme rotten langsam vor sich hin, etwa 15 Prozent des Filmbestandes sind bereits zerstört, der größte Teil geschrumpft, von ursprünglich 35 mm auf 34, 33 oder noch weniger. Warum kümmerte sich bisher niemand um diese Sammlung? Nathan Akselrod zuckt mit den Schultern. „Dus is a lange Majse“, sagt er auf jiddisch, „das ist eine lange Geschichte“; wir gehen aus dem Keller in den kleinen Garten hinter dem Haus und dann erzählt mir Nathan Akselrod seine „lange Majse“.

Geboren würde Akselrod im Jahre 1905 in einem ukrainischen Dorf an der Grenze zu Weißrußland. Mit 16 war er schon aktiver Zionist und organisierte unter Gleichaltrigen Amateurphotogruppen. Nebenbei macht er Zwischentitel für Stummfilme. Den örtlichen Bolschewiki fällt er rasch auf, sie schicken ihn nach Moskau, damit er sich in der Filmwirtschaft der Metropole umschifft. In Moskau trifft Akselrod auf Podowkin, den großean alten Mann des sowejetischen Films, und noch einen anderen Regisseur, der erst im Begriff war, berühmt zu werden: Eisenstein. „Ein talentierter Junge, dieser Eisenstein“, sagt Akselrod heute; „aber er machte zu viel kommunistische Propaganda.“ Für die Massenszenen im „Panzerkreuzer Potemkin“ heuerte Eisenstein Hunderte von Arbeitslosen an. „Wissen Sie, wie er die bezahlte? Mit Schuhen, die Statisten bekamen Schuhe statt Geld und waren überglücklich.“

Im Jahre 1924, gerade 19 Jahre alt, wird Akselrod auf Grund seiner zionistischen Aktivitäten – die Behörden sagen: revolutionsfeindliche Umtriebe – festgenommen und anderthalb Jahre im Gefängnis gehalten. Dann stellt man ihn vor die Alternative: Verbannung nach Sibirien oder Emigration. Im Jahre 1926 besteigt Akselrod in Odessa ein Schiff, das ihn direkt nach Yaffo in Palästina bringt. Er ist nun im Gelobten Land, am geographischen Ziel seiner zionistischen Träume, will sofort damit anfangen, in der palästinensischen Filmindustrie zu arbeiten. Aber es gibt keine Filmindustrie in Palästina, es gibt nicht einmal Strom oder fließendes Wasser.

In Jerusalem, hört Akselrod bald nach seiner Ankunft, soll es einen professionellen Photographen geben. „Die Reise nach Jerusalem“, erinnert er sich, „dauerte damals zwei Tage, einen hin und einen zurück, der Photograph hieß Ben Dov und machte Photos für die Jewish Agency. Als er hörte, daß ich Filme machen wollte, fing er an zu lachen.“

Wieder in Yaffo zurück, leiht sich Akselrod eine alte Plattenkamera, die, ein anderer Einwanderer mitgebracht hatte, und fängt an, Photos zu machen; „die Glasplatten hab ich selber gemacht, mir alle Chemikalien besorgt und die Photos allein entwickelt.“ Zu dieser Zeit wohnt Akselrod mit anderen Einwanderern, die er auf dem Schiff kennengelernt hatte, in einer Art Kommune in Rehovot, einer Siedlung südlich von Yaffo. Unter den Kommunarden ist auch ein gewisser Alexander Penn, der spater ein berühmter hebräischer Dichter werden soll. Im Jahre 1926 zeichnet sich Penn erst dadurch aus, daß er auf alle Frauen eine enorme Anziehungskraft ausübt. Akselrod und Penn beschließen, einen Film zu machen, obwohl sie weder Geld noch Geräte haben, und schreiben erstmal ein Szenario: Ein russischer Einwanderer kommt nach Palästina, schließt sich einem Kibbuz an, verläßt den Kibbuz und geht in die Stadt, findet in der Stadt keine Arbeit und keine Freunde und geht wieder zurück in den Kibbuz. – Mit diesem Szenario in der Hand gehen Akselrod und Penn zu Jeruschalajim Segal. Segal ist ein „Filmprofi“, er schreibt hebräische Zwischentexte für die Stummfilme, die nach Palästina eingeführt und in den neun Kinos; die es bereits gibt, gezeigt werden. Segal weiß, was es heißt, einen Film in Palästina produzieren zu wollen. Die Zwischentexte, die er schreibt, muß er nach Kairo schicken, dort werden sie abgefilmt, und entwickelt, danach zurückgeschickt und von Segal in die Filme eingeschnitten. Er ist nicht abgeneigt, einen richtigen Film zu finanzieren, stellt aber eine Bedingung: „Ihr müßt mir erst beweisen, daß ihr einen Film machen könnt!“ Segal verlangt ein Probestück, Akselrod ist fest entschlossen, es zu liefern. In einem Brillengeschäft in Tel Aviv findet er eine Handkamera, die schon damals ein Museumsstück war, und je Mäterial, um einen Film von Minuten Dauer zu drehen. Akselrod und Penn machen die Arbeit. erste in Palästina hergestellte Film wird eine Minikomödie im Buster-Keaton-Stil: Ein Kibbuzjunge will seiner Angebeteten einen Blumenstrauß überreichen, er hält das Angebinde hinter seinem Rücken versteckt und ohne daß er es merkt, frißt eine Kuh die Blumen. auf. Als er den Strauß endlich hervorholt, hat er nur noch die Stiele in der Hand – Ende der ersten heimischen Filmproduktion.