Je mehr Programme angeboten werden, desto mehr Zeit verbringen die Amerikaner vor dem Fernsehgerät, 46 Stunden jede Woche. Kabelfernsehen zieht immer mehr Menschen für immer mehr Stunden in seinen Bann.

Von Dietrich Schwarzkopf

Ein überhitztes Vokabular gehört beim Showgeschäft zum Alltag, zumal in Amerika. Deshalb ist Skepsis angebracht gegenüber Behauptungen, auf dem Fernsehmarkt der Vereinigten Staaten sei eine Revolution ausgebrochen: Die freiheitsdurstigen Kabelunternehmer schickten sich an, die von den drei großen etablierten Fernsehorganisationen (Networks) ABC, CBS und NBC gemeinsam gehaltene Bastille des Status quo zu stürmen. Von „Kabelfieber“ ist die Rede, von einer „elektronischen Version des Goldrausches“. Der Präsident des nichtkommerziellen (besser: teilkommerziellen) Public Broadcasting System ruft warnend aus, Amerika (und nicht zuletzt seine eigene Organisation) sei im Begriff, Opfer einer „Kulturrevolution“ chinesischen Stils zu werden.

Skepsis ist freilich ebenso angebracht gegenüber Versuchen der Networks, die sich schärfer ausprägende Konkurrenz zwischen Kabel und dem herkömmlichen Fernsehen herunterzuspielen. Fred Silverman zum Beispiel, bis vor kurzem Präsident von NBC, wurde nicht müde zu wiederholen, er sei das Gerede von einer technologisch bedingten Revolution leid: „Es wird Veränderungen geben, aber es gib keine Revolution.“

Wenn man die Entwicklung der Kommunikationslandschaft in Amerika überhaupt als revolutionär bezeichnen kann, dann handelt es sich um eine „konservative Revolution“. Ein Markt entfaltet sich, und die Regierung Reagan beeilt sich, möglichst viele der staatlichen Kontrollmechanismen, die der Entfaltung entgegenstehen könnten, abzuräumen. Der von Präsident Reagan ernannte neue Chef der Federal Communications Commission (FCC), einer Bundesbehörde, die Hörfunk- und Fernsehlizenzen unter bestimmten Bedingungen vergibt und erneuert, proklamierte in der ersten Rede nach seinem Amtsantritt als vornehmste Aufgabe seiner Behörde, „in fortdauernder Anstrengung eine nicht regulierte, vom Wettbewerb bestimmte Marktatmosphäre zu schaffen, deren Schwergewicht auf der freien Wahl des Verbrauchers und der unternehmerischen Initiative liegt“.

Er fügte hinzu, es sei nach seiner Meinung ein Ausdruck „unerträglicher Arroganz“, wenn eine Behörde sich aufführe, als ob sie wisse, wie einzelne Technologien zu handhaben seien und wie man sie alle in ein großes vorgegebenes Regulierungsschema hineinpassen könne. Als Beispiel eines solchen „Unfugs“ nannte er die Kabelregeln seiner eigenen Behörde aus dem Jahre 1972 – der Amtszeit von Reagans republikanischem Präsidentenkollegen Nixon. Für den Inhalt von Kabelprogrammen gibt es keine FCC-Regeln, nicht einmal die Fairneß-Doktrin, die es ermöglichen soll, daß bei kontroversen Themen auch die andere Seite zu Wort kommt. Veranstalter von Kabelprogrammen, soweit sie solche Themen aufgreifen, versichern, sie beachteten die Fairneßregeln freiwillig.

Der Markt soll regulieren