Die Kunde ist gerade anderthalb Jahre alt. Am 27. März 1980 berichtete eine Forschergruppe um Professor Charles Weissmann vom Institut für Molekularbiologie I der Universität Zürich im britischen Wissenschaftsjournal Nature, daß ihr eine gentechnische Erstleistung geglückt sei: Weissmanns Team hatte das für die Produktion von Interferon zuständige Gen aus menschlichen Leukozytenzellen (weißen Blutkörperchen) entnommen und in E. coli-Bakterien eingeschmuggelt.

Die genchirurgisch manipulierten Mikroben produzierten daraufhin den raren Abwehrstoff, der als Mittel gegen Virusinfektionen und Krebs im Gespräch ist, als sei’s ihr ureigenstes Sekret. Denn das menschliche Gen, ein Abschnitt der Erbsubstanz Desoxyribonucleinsäure (kurz DNA), war nahtlos in die DNA der Bakterien eingepaßt worden.

Nun beschreibt ebenfalls in Nature (20. August) eine neunköpfige Forschergruppe des englischen Pharma- und Chemiekonzerns ICI unter Michael Edge die erste Totalsynthese eines menschlichen Interferon-Gens: „Ein 514 Basenpaare langes, doppelsträngiges DNA-Fragment, das für menschliches Interferon-Alphan kodiert... wurde synthetisiert“, heißt es mit britischem Understatement in der Zusammenfassung der Arbeit. Hinter den dürren Worten verbirgt sich freilich eine technische tour de force und zugleich die Herstellung des bisher längsten synthetischen Gens.

Mehr als tausend Nukleotide, jene Bausteine (oder auch „Buchstaben“) der DNA, deren exakte Abfolge die genetische Botschaft bestimmt, mußten Edge und seine Kollegen in die richtige Reihenfolge bringen. Um Substanzverluste bei den vielen, jeweils 90 Minuten dauernden Syntheseschritten in Grenzen zu halten, stückelten die Forscher das gesamte Gen aus 67 einzelnen Fragmenten zusammen.

Was sich relativ einfach anhört, bedurfte einer ausgefeilten Strategie. Die ICI-Mannschaft analysierte per Computer zuerst einmal die von Weissmanns Gruppe publizierte Nukleotid-Sequenz jenes menschlichen Gens, das die Information für die Produktion von Leukozyten-Interferon enthält. Dann betrieben die Forscher ein regelrechtes „Gen-Design“, um eine der chemischen Synthese zugängliche Variante des Gens zu finden. Dieser künstlich konstruierte DNA-Abschnitt sollte später einmal die Produktion desselben Interferon-Eiweißmoleküls anregen wie das Originalgen. Außerdem galt es, unter den vielen denkbaren Genbruchstücken diejenigen auszusuchen, die sich mit möglichst wenig Aufwand synthetisieren und hinterher zusammensetzen ließen.

Der molekulargenetische Kraftakt gelang: Edge und seine Kollegen schleusten das künstliche Gen inzwischen schon in Bakterien ein, in denen es anscheinend normal arbeitet.

Wozu aber diese Sisyphusarbeit, wenn die entsprechenden „natürlichen“ Gene auch aus menschlichen Zellen kloniert werden können, wenn sie sich also isolieren und in Bakterien verdoppeln lassen, um dann dort die Interferonproduktion anzuregen?