Kurz nach dem Kriege erzählten bei einem damals noch kümmerlichen Mittagessen der Bremer Bürgermeister Kaisen und der Hamburger Bürgermeister Schönfelder von ihrer Jugend als Sozialdemokraten. Natürlich hätten sie für den Lebensstandard der Arbeiterklasse gekämpft. Bürgerrecht, sagten sie, das sei aber auch das Recht auf Bildung gewesen. Deshalb hätten die Sozialdemokraten ihre Kameraden immer wieder gemahnt, nicht den „Röhrenden Hirsch“ oder den „Stillen Waldsee“ in Öl an die Wand zu hängen, sondern den anständigen Druck eines guten Bildes. „Und: ‚Lest Bücher‘ haben wir unseren Freunden zugerufen.“ Deshalb hätten 1924 begeisterte sozialdemokratische Buchdruckergesellen die „Büchergilde Gutenberg“ gegründet – sie will wichtige Bücher, nicht als Massenware, sondern handwerklich schön, an den kleinen Mann bringen.

Das hätte sich die Büchergilde Gutenberg nun vielleicht überlegen müssen. Ihre Kosten steigen gerade jetzt gewaltig. Und so nebenbei die Mitgliederbeiträge um 6,5 Prozent zu erhöhen, das dürfte schwer fallen. Das müßte aber sein, wenn Minister Ehrenberg und seine Kollegen durchsetzten, daß die Mehrwertsteuer für Zeitschriften, Bücher, Kunstgegenstände aller Art (jetzt 6,5 Prozent) verdoppelt wird. Auch Maler, Bildhauer, alle Künstler müßten ihren Freunden 6,5 Prozent mehr abnehmen – für den um Kunst und Bildung so besorgten Staat.

Der Steuersatz von 6,5 Prozent gilt seit Einführung der Mehrwertsteuer. Auf diesen Satz haben sich alle verlassen: die Zeitungsverleger (die geschont werden sollten), die Zeitschriftenverleger, die Buchverleger und alle anderen, die Kunst verkaufen. Sie wissen, daß ihre Kosten schwanken können: Papier wird teurer, Löhne steigen, die Post will mehr. Aber: Papier kann wieder billiger werden (und ist geworden). Die Gewerkschaften fordern gerade jetzt nur Lohnerhöhungen, die knapp die Inflationsrate abdecken. Nur der Staat: der versuchte, überfallartig seinen Steuersatz zu verdoppeln. Das verletzt Treu und Glauben.

Zeitungen sollten die harte Hand des Staates nicht spüren: Sie hätten bei der Erhebung ausgespart bleiben sollen. Der Verdacht ist zurückzuweisen, daß sich die Erfinder der neuen Abgabe nicht, listig, die Meute der Zeitungsleute auf den Hals ziehen wollen. Der wahre Grund: Zwar gibt es Zeitungen, die viel verdienen; aber viele kämpfen um ihr Leben – oft gerade die besten. Kämpfen müssen gerade die, denen Verleger sein mehr bedeutet als mit Zeitschriften, Zeitungen oder Büchern – wenn auch noch so honorig – Geld zu verdienen. Den experimentierfreudigen, nachdenklichen, auf ihren Ruf als Vertreter einer Kultur und nicht auf Villa und Automarke stolzen Buchverlegern verdanken wir alles, was an moderner Literatur geboten wird. Sie werden für ihre Arbeit geprügelt – und den großen Verlagen in die Arme getrieben. Es ist nicht gut, wenn Kaufleute keinen Idealismus haben. Aber ein Beruf ist ohne Idealismus gar nicht denkbar: der des Verlegers.

Man sollte die Zeitungen loben, daß sie, obwohl (noch?) nicht betroffen, jene Pläne einstimmig verworfen haben. Hätte der Gesetzgeber sie nicht ausgenommen, käme er auch in große Schwierigkeiten. Was unterscheidet etwa politische Wochenzeitungen von politischen Wochenzeitschriften Den Rheinischen Merkur und die Zeit etwa von Stern und Spiegel? Die ersten sind meist arm, die letzteren immer reich. Aber es gibt auch Zeitschriften, die sich verdammt schwer tun – die meisten sogar. Einige politische Wochenblätter spielen unseren Ministern sogar einen Streich: Sie sind organisiert nicht im Verband der Zeitungs-Verleger, sondern der Zeitschriften-Verleger. Hätten sie nun blechen sollen?

Verleger von Zeitschriften und vor allem von Büchern sind wieder einmal die ärmsten Hunde. Sollte das nicht eine Regierung kümmern, die unter dem Motto angetreten ist: „Mehr Bildung für den Bürger“?

Übrigens: Die Koalition hat ihre Fehlgeburt selbst umgebracht.