Überzogene Ziele haben der Stadt am meisten geschadet

Von Joachim Nawrocki

Die Sache ist perfekt“, sagte der sowjetische Botschafter Abrassimow Ende August 1971 vor der Dahlemer Residenz seines amerikanischen Kollegen Kenneth Rush zu den wartenden Journalisten. Der Text des Viermächteabkommens über Berlin war nach anderthalbjährigen Verhandlungen fertiggestellt. Am 3. September 1971, vor jetzt genau zehn Jahren, wurde das Abkommen von den Vertretern der vier Mächte abgezeichnet. Aber es dauerte noch einmal ein dreiviertel Jahr, bis die deutschen Beteiligten – Bundesregierung, DDR-Regierung, Berliner Senat – sich auf die Zusatzvereinbarungen über Transitverkehr, Besuchsregelung und Gebietsaustausch geeinigt hatten und das Abkommen dann im Juni 1972 in Kraft treten konnte.

Botschafter Abrassimow hatte nach fast jeder Verhandlungsrunde ein deutsches oder russisches Sprichwort bereit. Als es schwierig wurde, und das war oft der Fall, sagte er: „Keine Rose ohne Dornen“, und als – nach Walter Ulbrichts Sturz – die Gespräche rascher vorangingen, prophezeite er: „Ende gut, alles gut“. Die deutschen Journalisten sammelten schließlich Geld und schenkten ihm ein Buch mit Spruchweisheiten.

Der Rückblick provoziert natürlich die Frage, wie die Sprüche von damals der Wirklichkeit von heute standhalten, wie perfekt denn die Sache nun wirklich war. Gewiß war es damals schwer einzuschätzen, was sich da aus dem Text der Alliierten und aus den deutschen Zusatzvereinbarungen praktisch ergeben würde. Die Siegermächte hatten erklärt, sie wollten in Zukunft Komplikationen um Berlin verhüten und Streitigkeiten mit friedlichen Mitteln lösen. Aber wie tragfähig würde diese Absicht sein? Das Abkommen sah vor, daß die Bindungen zwischen Berlin und der Bundesrepublik aufrechterhalten und entwickelt werden könnten. Doch was hieß „entwickeln“? Die außenpolitische Vertretung West-Berlins durch den Bund wurde von den Sowjets anerkannt; das war einer der bedeutendsten und am längsten umkämpften Verhandlungserfolge. Aber die Präsenz des Bundes in Berlin wurde gegenüber der bisherigen Praxis eingeschränkt; das wurde vor allem bei den Gegnern des Abkommens als erster Schritt auf dem Weg zur selbständigen politischen Einheit gesehen.

Klarer waren da schon die Vorteile der praktischen Erleichterungen zu erkennen: Die West-Berliner durften wieder Ost-Berlin und die DDR besuchen; die zehn Jahre zuvor erbaute Mauer wurde durchlässiger. Der Transitverkehr zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik, ständig von der politischen Lage und den Launen der DDR-Grenzer bedroht, bekam eine klare, von den Alliierten garantierte Rechtsgrundlage. Es wurde endlich wieder möglich, von West-Berlin aus in den anderen Teil der Stadt und in die DDR zu telephonieren. Schließlich wurden Regelungen für West-Berliner Enklaven in der DDR gefunden, die deren Bewohnern das Leben erheblich erleichterten.

Gleichwohl gab es Anlaß zum Mißtrauen. Nach der Unterzeichnung des Berlin-Abkommens durch die vier Botschafter wurden zwei – in wichtigen Punkten voneinander abweichende – deutsche Übersetzungen veröffentlicht, obwohl sich Vertreter der Bundesregierung und der DDR-Regierung zuvor auf eine einheitliche Fassung geeinigt hatten. Die Besuchsregelung wurde von der DDR nicht so gehandhabt, wie sie der Senat glaubte ausgehandelt zu haben: Die Möglichkeit der Sofortbesuche, das heißt Ausgabe der Besuchsberechtigung noch am Tag der Antragstellung, wurde von der DDR äußerst restriktiv gehandhabt. Und nicht zuletzt: Die Tinte auf den Verhandlungspapieren war noch nicht trocken, da begann der Streit, ob das Berlin-Abkommen in seinem allgemeinen Teil nun für ganz Berlin oder nur für West-Berlin gelte.