Zum letzten Mal“: Die Szene könnte aus einem BeckettStück sein, das nicht geschrieben wurde. Ein Vier-Figuren-Spiel – zwei Männer in korrektem Abenddreß kriechen im Kreis herum, bewegen sich aufeinander zu in der imaginären Manege. Der Direktor steht daneben, breitbeinig, einschüchternd, ein Mister Pozzi, ein Gewalthaber. Der vierte sitzt außerhalb der Kreislinie und schaut in den Spiegel, ein Unbeteiligter. Was hier gespielt wird, handelt von Brutalität, von Unterdrückung, von kriechendem Gehorsam, von der Verweigerung der Anteilnahme. Ein Trauerspiel, aber auch eine Groteske, eine Clownerie, Theater und Zirkus, was manchmal gut zusammengeht – Tabori hat Beckett in einem Münchner Vorstadtzirkus inszeniert.

„Zum letzten Mal“ ist ein frühes Stück des englischen Bildhauers John Davies, entstanden 1972, das jetzt bei Uwe M. Schneede im Kunstverein in Hamburg seine deutsche Erstaufführung erlebt, zusammen mit einigen anderen Stücken, in denen immer lebensgroße männliche Figuren auftreten, einzeln oder in Gruppen, und mit etwas beschäftigt sind, was völlig banal oder rätselhaft oder beides zugleich sein kann. Da gibt es den „Kübelmann“, den man genau kennt, den man gestern auf der Baustelle gesehen hat, nur daß er auf einem breiten Sockel steht, der ihn empor- und heraushebt aus der Trivialebene, vor einer runden Mauernische, die ihn abschirmt. Dazu trägt er eine Kugel auf dem kahlen Schädel, die Augen sind geschlossen – der Kübelmann, zum Denkmal stilisiert.

Der „Alte Feind“ ist von vornherein antirealistisch konzipiert, das Gesicht ist undeutlich, wie eine vermoderte Maske modelliert, eine Mumie, mit nacktem Oberkörper, mit steifer Halskrause und knöchellangem Rock bekleidet, ein Mythos. Der „Obstpflücker“ ist dagegen mit dem realistischen Zubehör des Gärtners ausgestattet, er könnte von der Arbeit kommen, wenn ihm John Davies die Illusion des Lebens nicht gründlich ausgetrieben hätte, ihn dunkel eingefärbt, zur Salzsäule hätte erstarren lassen.

John Davies ist 35 Jahre alt, er lebt in einer Kleinstadt in Kent. Mit 17 ging er nach Manchester, um Design zu studieren, wechselte über zur Malerei, besuchte das „College of Art“ in Hull, wo

ihm Konstruktivismus beigebracht wurde, und später die Slade School in London. Hier fing er an, sich für Plastik zu interessieren. Reg. Butler war sein Lehrer, kein realistischer, aber ein figurativer Bildhauer. Schon in seinem ersten eigenen Stück, einer Mehrfigurengruppe, die er nach Photographien und mit realen Requisiten herstellte, ist er radikal über Reg Butler hinausgegangen.

In welcher Richtung? Man zögert, ihn auf eine Richtung festzulegen. Was John Davies von seinem Lehrer trennt, sieht man mit einem Blick. Bei Reg Butler ist die menschliche Figur veränderbar, beliebiges Material für die Hand des Bildhauers. John Davies hingegen respektiert die Figur als ein objektiv Gegebenes, das der Willkür, dem selbstherrlichen Verhalten des Künstlers entzogen ist. Statt plastischer Erfindung äußerste Prägnanz in der Wiedergabe aller Details, Identität zwischen Realität und Kunst, zwischen Modell und Skulptur.

Wie ist diese Identität zu erreichen? Die amerikanischen Photorealisten haben die Antwort gegeben und die Figur abgegossen. John Davies hat das auch probiert und war enttäuscht, die abgegossene Figur schien ihm „sehr lebensunecht“. Seine Konsequenz: „Ich arbeite nicht nach der Natur, aber ich möchte Informationen sammeln“, mit Hilfe von Photographien und Modellstudien beispielsweise.

John Davies bietet keine englische Variante zum Photorealismus, auch wenn seine Stücke an dergleichen Darbietungen amerikanischer Bildhauer denken lassen. Sie sollen nicht Leben vortäuschen; der berühmte Hanson-Effekt stellt sich gerade nicht ein, wenn der Besucher einen Raum betritt, wo jemand Zeitung liest oder den Boden wischt und der Besucher sich irritiert zurückzieht. Um die Figuren sich selbst zu entfremden, um jede Verwechslung mit Personen auszuschließen, arbeitet John Davies mit Masken, Drahtgittern und Bildern, er selber nennt diese Dinge „Zusätze“ (devices) Die beiden Männer, die, in der „Lektion“ von 1973–75, dicht beieinander stehen, ohne sich zu berühren, ohne sich auch nur mit den Augen wahrzunehmen, sind nicht dem Leben nachgebaut. Sie manifestieren ein Stück Vergangenheit, eine verpaßte Lebenschance, etwas, das weit zurückliegt. Plastik im Plusquamperfekt, in der zweiten Vergangenheit: Das ist eine merkwürdige Erfahrung, die den Betrachter der lebensgroßen Figuren, der großen und kleinen Köpfe in dieser ersten deutschen John-Davies-Ausstellung tief betroffen macht. (Kunstverein bis zum 20. September, anschließend im Wilhelm-Lehmbruck-Museum Duisburg und im Badischen Kunstverein Karlsruhe, Katalog 20 Mark) Gottfried Sello