Berlin; „Neuruppiner Bilderbogen“

Die Vorläufer gehen bis in die Renaissance zurück, und die letzten Exemplare wurden im Zweiten Weltkrieg gedruckt, aber seine Blütezeit hatte das in hoher Auflage hergestellte einzelne Bildblatt als „Bilderbogen“ im 19. Jahrhundert. Eines der wichtigsten europäischen Druckzentren war – neben dem französischen Epinal – das Landstädtchen. Neuruppin nordwestlich von Berlin, wo in drei Druckereien im Laufe der Jahre über 20 000 Motive gedruckt wurden; 200 davon mit dem Schwerpunkt Preußische Geschichte sind nun aus Anlaß des Preußenjahres ausgestellt. Das sich emanzipierende Bürgertum, vor allem auch das Kleinbürgertum, entwickelte ein neues Bedürfnis nach Unterhaltung und rascher Information über Zeitereignisse, und die Lithographie lieferte das technische Mittel zur massenhaften Herstellung. Hohe Auflagen verlangten ökonomische Rücksichten, also druckten die Hersteller in erster Linie, was das Publikum kaufen wollte. Kriegsereignisse etwa, denen keiner der Zeichner beigewohnt hatte, wurden den Erwartungen des Publikums angepaßt, christliche Themen, sehr zum Ärger der Kirchen, dem Volks- und Aberglauben angenähert. Vorbilder gab es genug in der Hochkunst (Ausnahme: die Aktualitätenbilder). Doch die differenzierten Darstellungen wurden zurechtgestutzt nach den Erfordernissen schneller, billiger Poduktionsweisen und dem geistigen Aufnahmevermögen der Geringsten im Publikum. Vielschichtige politische Vorgänge brachte man so auf die leicht verständliche visuelle Pinte. Dem Bedürfnis nach Bewunderung, Belehrung, Erbauung, ja, moralischer Erschütterung dienten die vaterländischen königs- und kaisertreuen Bilderbogen etwas mit den Fürsten- und Forscherporträts oder den vielen Genre-Darstellungen, die ihre Herkunft aus der Moritat nicht verleugnen können. Man sieht so schreckliche Beispiele wie ein erschossenes „Opfer der Spielhölle aus Monaco“ oder die tragische Geschichte vom „Bleistift als Mordinstrument“, in der ein Künstler die Geliebte und sich selbst mit dem zu spitzen Zeichenstift bei der Umarmung zufällig ersticht. Trivialität, für uns heute durch Nostalgie verklärt, regierte die Bildwelt. Darum konnte auch die aufkommende Photographie dem Bilderbogen nicht als Anregung dienen, sie zeigte die Wirklichkeit, zum Beispiel der Kriege, allzu genau. (Museum für Deutsche Volkskunde bis 31. 1. 82, danach in Cloppenburg, Hamm und Bonn-Bad Godesberg; Katalog 15 Mark) Ernst Busche

München: „Silberschätze aus Südamerika 1700–1900“

Man kann darüber spekulieren, wie die politischen und sozialen Strukturen in Lateinamerika sich entwickelt hätten, wenn die mittel- und südamerikanischen Hochkulturen von den spanischen Konquistadoren nicht vernichtet worden wären. Sicher ist immerhin, daß die Kunst nach der Eroberung nicht mehr die Höhe erreichte, die sie vorher hatte. Südamerika wurde eine Kolonie Europas, in der Kolonialkunst entstand. Die Gegenstände in der Ausstellung, liturgisches Gerät, Dinge des häuslichen Gebrauchs, Reitzeug, sprechen eine uns bekannte Sprache in einem exotischen Dialekt. Es ist durchaus reizvoll, wenn barocke Formen tropisch zu wuchern beginnen oder in der Erinnerung an einheimische Traditionen Spuren der alten Kunst sichtbar werden, das Vergnügen wird allerdings getrübt durch die Tatsache, daß das prächtige (und mitunter protzige) Silber den ästhetischen Mehrwert einer Produktion präsentiert, die auf der Ausbeutung der Indianer beruhte. Der „Reiche Berg“ von Potosí im Hochland der Anden, der Spanien zweieinhalb Jahrhunderte lang mit Silber versorgte (von der Entdeckung des Vorkommens 1545 bis zur Stillegung der Minen 1800 sind schätzungsweise 130 000 Tonnen gefördert worden), war ökonomisch betrachtet sicher „der beste Berg, der je in Spanisch-Amerika gesichtet wurde“, wie ein Chronist um 1600 schrieb; er würde aber auch zum Grab eines beachtlichen Teils der indianischen Zwangsarbeiter, die das Erz zu Tage förderten. Bedenkt man den Zusammenhang zwischen der Metallgewinnung und dem Beinahe-Genozid an der Urbevölkerung, dann wirken die aus Silber getriebenen, gegossenen und ziselierten Tabernakel und Monstranzen irgendwie blasphemisch. (Staatliches Museum für Völkerkunde, bis zum 31. Oktober; Katalog 32 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Preußen – Versuch einer Bilanz“ (Martin-Gropius-Bau bis 15. 11., Katalog-Kassette, 5bändig, 45 Mark)

Berlin: „Karl Friedrich Schinkel – Architektur, Kunstgewerbe, Malerei“ (Orangerie Schloß Charlottenburg bis 13. 9., Katalog 25 Mark)