Ein Kaufmannsgehilfe nahm die Ratschläge der Bildungsreformer ernst, studierte und begann einen Aufstieg ins Nichts

Von Hans Jakob Ginsburg

Drei Jahre lang hatte Hans-Hermann Buskohl eigentlich immer Zeit, morgens auf den Briefträger zu warten. Jeden zweiten oder dritten Tag enthielt die Post einen dicken, großen Briefumschlag – wieder eine Ablehnung. Der Umschlag enthielt die Bewerbungsunterlagen. Ganz oben lag der Lebenslauf, die Geschichte eines Aufsteigers in der Sackgasse.

Geboren: 9. Juli 1948 in Aurich/Ostfriesland, Schulbesuch 1955 bis 1966, Abschluß: mittlere Reife. "Schuster bleib’ bei deinen Leisten", sagte der Großvater, ein alter Sozialdemokrat, als Hans-Hermann, Sohn einer Hilfsarbeiterin – der früh gestorbene Vater war Friseurgeselle gewesen – mit 18 Jahren die Realschule absolvierte. Kommentar des Enkels, 15 Jahre später: "Habe von der Pichtschen Bildungskatastrophe gehört, daraufhin das Dahrendorfsehe ,Bürgerrecht auf Bildung‘ in Anspruch genommen..."

Berufsausbildung: Dezember 1966 bis Juni 1970 Lehre im Großhandel, gleichzeitig Kaufmännische Berufsschule, Abschluß: Kaufmannsgehilfe im Großhandel. Dreimal wechselt Hans-Hermann Buskohl den Ausbildungsplatz, einmal, weil die Firma den Konkurs angemeldet hatte. Von Juli 1970 bis Dezember 1971 dient er bei der Bundeswehr.

Berufstätigkeit: 1. Januar 1972 bis 31. März 1972 Verkäufer in einem Möbelgeschäft in Hildesheim. Im Großhandel hat der 23jährige keine Anstellung gefunden. Nach drei Monaten zwischen Schrankwänden und Einbauküchen wagt er einen großen Schritt auf seiner vermeintlichen Karriereleiter und wird Student.

Studium: Sozialpädagogik an der Fachhochschule Hildesheim, Abschlußarbeit: "Zur gesellschaftlichen Lage von Auszubildenden", Abschluß: Graduierter Sozialpädagoge. Sozialarbeiter bieten sich schon 1975 im Übermaß auf dem Arbeitsmarkt an. Hans-Hermann Buskohl will keine Stelle annehmen, für die er zu viel gelernt hat und viel weniger Geld bekommt, als ihm nach seiner Ausbildung zustünde.