Bekannt sind lediglich die Umstände seiner ersten vierzehn Jahre in Montevideo. 1846 als Sohn eines französischen Konsulatsbeamten geboren, erlebt Isidore Lucien Ducasse die langwierige Belagerung der Stadt, den Hunger, die Panik, die alltäglichen Gewalttätigkeiten mit. Am Ende seines Lebens ist er Zeuge der Pariser Commune, wobei man nunmehr nach Vallés-Bertaux zu wissen meint, daß er mit dem ermordeten Agitator namens Ducasse identisch war. Er starb unbekannt mit vierundzwanzig Jahren, und sein Buch vermoderte im Keller des Verlegers, der es, aus Angst vor dem Staatsanwalt, nicht ausliefern wollte. Niemand weiß, wie er aussah. Ein Photo, das Alvaro Guillot Muñoz in Montevideo fand, kam, als die politische Polizei in den dreißiger Jahren Guillots Papiere in Beschlag nahm, abhanden.

„Die Gesänge des Maldoror“ sind von den Surrealisten wiederentdeckt und an die Öffentlichkeit gebracht worden. Lautreamont, wie Ducasse sich nannte, besingt das Böse; das Schlüsselwort „Nacht“ bezeichnet hier mehr als eine Tageszeit. Oft aber setzt die skandierende, sich nie überschlagende Stimme ganz simpel ein: Ein Gegenstand steht auf einem Erdhügel; eine Verrückte kommt vorbeigetänzelt; es ist Frühling, die Vögel zwitschern und „die Menschen, zu ihren mannigfaltigen Pflichten zurückgekehrt, ergingen sich im Müdesein“. Gleich darauf aber geraten die Dinge in eine Unordnung, die nur durch Assoziationsketten zusammengehalten und von Bildern durchschossen wird. Die Dinge verschwinden hinter ihrem Namen; sie bringen neue Namen hervor, die nunmehr nicht Dinge, sondern imaginäre Fixpunkte in einem sich stets verändernden Alptraum sind. Die Blasphemie ist eingebürgert, die Abscheulichkeit Natur. „Da ich nicht fand, was ich suchte, hob ich das verstörte Augenlid höher, noch höher, bis ich einen Thron bemerkte, geformt aus menschlichen Exkrementen und Gold, auf dem, in ein Leichentuch aus ungewaschenen Krankenhauslinnen gehüllt, mit dem Ausdruck idiotischen Hochmuts, die Gestalt dessen thronte, der sich selbst den Schöpfer bezeichnet! In der Hand hielt er den verwesten Rumpf eines toten Menschen und führte ihn abwechselnd von den Augen an die Nase und von der Nase an den Mund, einmal am Mund, errät man, was er damit tat.“

Die Sprache gibt sich, trotz der fielen Invokative, nicht als Hochsprache, sondern als ein Wechsel zwischen gedanklichen Abstraktionen und sich selbständig machenden Metaphern, die unversehens an die Stelle der eigentlichen Sache rücken. Ob aber Lautreamont so unbewußt, das heißt: so „automatisch“ schrieb, wie es die Surrealisten wollten, bleibt dahingestellt. Es gibt im zweiten Gesang eine Anrufung der Mathematik, wie überhaupt die Gesänge eine ganze Zoologie, eine Pathographie und eine Kosmogonie enthalten. Deren Negativität beschreibt oder besingt Maldoror, das fiktive Ich, weniger als er sie evoziert: Er ruft im Kopf des Lesers Bilder hervor, die schon deshalb nicht verschwimmen, weil sie von anderen, unvorhersehbaren, abgelöst werden.

Gide hat Lautreamont den Schleusenmeister der Literatur von morgen genannt. Der Titel Sprengmeister, eine jede Literatur betreffend, wäre wohl angebrachter. So stellt der fünfte Abschnitt des fünften Gesangs: „Oh, unbegreifliche Päderasten“ Genet in den Schatten. Andere Stücke lassen Poes Geschichte vom schwarzen Kater oder Baudelaires satanische Verse hinter Sieh. Neben dem Maldoror wirken surrealistische Texte, Artaud vielleicht ausgenommen, gewollt. Lautreamont hat die Literatur über die Grenze des Unaussprechlichen getrieben: von dort aus schlägt er, mit grellen Bildern, auf die Realitäten ein.

(Das besondere Taschenbuch 46, Heyne Verlag, München, 1981; 264 S., 8,80 DM.)

Hans Platschek