Chronik mit Schatten

Neunzehn Erzählungen von Isaac B. Singer

Soll man ein Buch des Nobelpreisträgers rühmen? Soll man einmal mehr durch Kritik beweisen, daß er ein ungewöhnlicher Schriftsteller ist? Der Autor wird weltweit gelesen und übersetzt, er wird bewundert, gefeiert und diskutiert, da besteht die Gefahr, daß der Leser den Namen verschlingt – und vielleicht das Buch mit der falschen Gewißheit, der Name allein garantiere die Qualität.

Ein Buch um des Buches willen lesen heißt, den Namen des Autors beim Lesen vergessen zu können, die bequeme Garantie, die der Ruhm suggeriert, das blinde Vertrauen in einen Welterfolg. „Eine Kindheit in Warschau“ hat es mir leicht gemacht, ich hab mich in ihr verloren und satt gelesen, Der Autor hat es mir ermöglicht, ihn zu vergessen, ich las ein Buch, das stark und wahrhaftig ist und seinen Autor gleichsam entbehren kann.

Es ist die archaisch reine und evozierende, unpersönlich erscheinende und doch äußerst lebendige Sprache eines Chronisten, der die ferne Kindheit im Warschauer Getto erzählt. Alles, was Singer geschrieben hat, kommt von dort: Witz und Weisheit, Skepsis und Weltvertrauen, Angst und Armut des polnischen Judentums. Die Kabbala und die Legenden, Geheimnis und Märchen, der Cheder und die Gebete, die Not und die Spiele, das dunkle Treppenhaus und die wimmelnde Straße, der Rabbi, die Mutter, die Freunde, das tägliche Leben. „In den Straßen duftete es nach frischen Brötchen und nach dem Wind, der von der Weichsel und dem Praga-Wald herüberwehte. Ich sah an den Häusern hinauf, wo Mädchen auf Balkonen standen, aus Fenstern schauten. Sie redeten, sangen, lachten. Ich hörte die Geräusche von Nähmaschinen, eines laufenden Grammophons. Hinter einem Fenster sah ich den dunklen Schatten eines Mädchens. Ich bildete mir ein, daß sie mich durch die Gardinen anstarrte. Ich sagte zu meinem Vater: Papa, kann man mit Hilfe der Kabbala herausfinden, mit wem man sich verloben wird?“