Es ist das Erzählen von Autobiographie, die authentische Geschichte von Mensch und Milieu. Es sind Legenden verschwundener Wirklichkeit und Kalendergeschichten ohne die gute Moral. Es sind Berichte vom untergegangenen Leben, exotisch erscheinend für den, der nichts mehr von ihm weiß. Es sind die Geschichten eines Volkserzählers, der seine Bücher erst jiddisch, dann englisch schreibt. Die Sprache entspricht keiner Schule oder Tendenz (es sei denn, den Traditionen der jiddischen Epik), man hat dies Erzählen früher zeitlos genannt. Man verstand darunter ein unzeitgemäßes Erzählen, es konnte als konventionell und belanglos gelten. Die Sprache Singers entzieht sich jedem Versuch, sie literarisch für konservativ zu erklären. Sie ist nicht zeitlos oder zeitgemäß, sie steht monolithisch alt und einzig da.

"Zum Chamez (Gesäuertes, das während des Pessachfestes nicht gegessen werden darf und daher entfernt werden muß) gehören all die Dinge, die während der Pessach-Zeit nicht in einem jüdischen Haushalt sein dürfen, wie Sauerteigbrot, Mehl, Backbretter und Nudelhölzer. Eigentlich wurde alles nur zum Schein verkauft, denn unmittelbar nach Pessach kehrten die Dinge wieder zu ihren ursprünglichen Besitzern zurück. Ich merkte erst, wie wenig wir besaßen, als ich hörte, was andere hatten und als Chamez verkaufen wollten. Sie mußten Whisky, Kirschlikör, Eingemachtes fortschaffen, wir dagegen nur ein paar Töpfe und Pfannen. Es kam manchmal vor, daß jemand einen Stall mit Pferden angab, obwohl mir nicht ganz klar ist, wie man ein Pferd als Chamez betrachten kann. Vielleicht, weil Pferde Hafer fressen. Einmal kam ein Mann zu uns, dessen. Sohn mit einem Zirkus reiste. Er hielt es für notwendig, alle Tiere aus dem Zirkus als Chamez anzugeben."

Das Buch ist mit Photographien illustriert, sie geben dem Autor und seinen Erzählungen recht. Das Photo als Illustration für erzählende Prosa – das hat sich fast immer als verfehlt erwiesen. Ein Photo kann nicht die genaue Zeichnung ersetzen, ihm fehlt der Witz, die Erfindung, die Eindeutigkeit. (Kein gutes Tierbuch kann Photos statt Zeichnungen zeigen, da nur der gezeichnete Körper ganz faßbar wird.) Hier ist die Photographie zum Glücksfall geworden. Es sind atmosphärische Bilder des Lebens im Getto, der Markt und die Schule, die Kleider, die Bärte und Augen. Ein kleiner Film läuft neben der Prosa ab, er steht mit dem Buch in gutem Einvernehmen.

Der deutsche Leser sitzt betroffen da. Ihm ist eine uralte Gegenwart wirklich geworden, die vor vierzig Jahren von Deutschen vernichtet wurde. In diesem Schatten liest er ein Stück Geschichte. Wird er sich selbst mit ihr konfrontieren wollen – und wird er sie seinen Kindern vermitteln können – nicht nur als ein Buch vom Leben der polnischen Juden?

Isaac B. Singer: "Eine Kindheit in Warschau"; aus dem Amerikanischen übertragen von Karin Polz; Verlag Otto Maier, Ravensburg; 200 S., 17,80 DM

Christoph Meckel